Technologieführerschaft im Maschinenbau

Technologieführerschaft im Maschinenbau unter Druck

Die Technologieführerschaft im Maschinenbau gerät unter Druck. Eine Allensbach-Studie zeigt, wie stark deutsche Hersteller China, USA und neue Serviceanbieter fürchten.

Wie steht es um die Technologieführerschaft im Maschinenbau? Die neueste Allensbach-Studie zeigt Druck durch China, USA und Services.

Summary: Die Allensbach-Studie im Auftrag von FTI-Andersch zeigt, dass viele deutsche Maschinen- und Anlagenbauer den Verlust ihrer Technologieführerschaft erwarten. Befragt wurden 169 Industrieunternehmen, darunter 58 Maschinen- und Anlagenbauer, überwiegend Vorstände und Geschäftsführer. Als Reaktion setzen Unternehmen auf Softwarekompetenz, digitale Services, schnellere Innovationszyklen, Nischenstrategien und Produktionsverlagerungen.

Die deutsche Maschinen- und Anlagenbauindustrie blickt mit wachsender Sorge auf ihre technologische Spitzenposition. Laut einer aktuellen Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch gehen 53 % der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer davon aus, dass die Technologieführerschaft künftig vom Ausland übernommen wird oder bereits übernommen wurde.

Im Zentrum der Sorge stehen Wettbewerber aus China und den USA. Für die betroffenen Unternehmen wäre diese Entwicklung kein Randthema: Sieben von zehn Maschinenbauern geben an, davon stark oder sehr stark betroffen zu sein. Die Technologieführerschaft wird damit zu einer strategischen Schlüsselfrage für Geschäftsmodelle, Wertschöpfung und künftige Marktpositionen.

Philipp Oemler, Senior Managing Director bei FTI-Andersch
Philipp Oemler, Senior Managing Director bei FTI-Andersch

„Dass eine Mehrheit der Maschinenbauer den Verlust der Technologieführerschaft erwartet, hätte vor wenigen Jahren noch als undenkbar gegolten. Wir sehen das im Markt heute schon in einigen Fällen wie beim Werkzeug- und Spritzgussmaschinenbau“, sagt Philipp Oemler, Senior Managing Director bei FTI-Andersch, der auf Restrukturierung, Business Transformation und Transaktionen spezialisierten Beratungseinheit von FTI Consulting.

Oemler sieht die zentrale Herausforderung nicht allein im technologischen Rückstand, sondern in der Reaktion der Unternehmen: „Entscheidend ist nun, wie Unternehmen darauf reagieren. Klassische Instrumente wie Fokussierung können im Einzelfall sinnvoll sein, greifen aber zu kurz, wenn sie nicht Teil einer ganzheitlichen Transformation sind. Ein reines ‚Weiter-mit-dem-Markt-wachsen‘ wird in vielen Fällen nicht mehr ausreichen. Gefragt sind gezielte Anpassungen von Geschäftsmodellen, Portfolios und Wertschöpfung an die neuen Wettbewerbsrealitäten.“

China-Offensive setzt europäische Märkte unter Druck

Chinesische Wettbewerber drängen nach Europa Deutsche Unternehmen sind hiervon (künftig) stark betroffen.

Neben dem drohenden Verlust der Technologieführerschaft rückt der chinesische Wettbewerb weiter in den Mittelpunkt. Nahezu alle befragten Maschinen- und Anlagenbauer halten es für wahrscheinlich, dass chinesische Unternehmen in den kommenden Jahren verstärkt auf den europäischen Markt drängen. Der Anteil liegt bei 93 %. Mehr als die Hälfte der Unternehmen stuft diesen Markteintritt als sehr wahrscheinlich ein. Weitere 10 % geben an, dass chinesische Wettbewerber in ihrem Segment bereits angekommen sind. Für 19 % der Unternehmen hätte dies sehr starke Auswirkungen auf das eigene Geschäft, für weitere 38 % starke Auswirkungen. Insgesamt wären damit 57 % deutlich betroffen.

Die Technologieführerschaft wird zu einer strategischen Schlüsselfrage für Geschäftsmodelle, Wertschöpfung und künftige Marktpositionen.

Damit wird der Wettbewerb nicht nur über Produkte und Preise geführt. Er betrifft auch die Frage, wie sich deutsche Maschinenbauer künftig differenzieren können: über Technologie, Service, Qualität, Nischenkompetenz oder neue kommerzielle Modelle.

Wie Drittanbieter das Servicegeschäft verändern

Zusätzlicher Druck entsteht im Servicegeschäft. Wartung und Support galten im Maschinen- und Anlagenbau lange als stabile Ertragsquellen. Nun berichten 29 % der befragten Unternehmen von erheblichen oder begrenzten finanziellen Nachteilen, weil diese Leistungen zunehmend von Drittanbietern übernommen werden.

Als Treiber nennt die Studie Künstliche Intelligenz, Automatisierung und digitale Plattformen. Damit greifen neue Akteure Bereiche an, die für Maschinenbauer wirtschaftlich relevant sind. Das betrifft nicht nur Umsatzpotenziale, sondern auch die Nähe zum Kunden und die Kontrolle über Daten, Betriebserfahrung und Folgegeschäft.

„Der Wettbewerbsdruck im Maschinen- und Anlagenbau nimmt auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu: neue regionale Wettbewerber genauso wie durch Akteure aus Software und Service. Die sorgen teils für erhebliche Umsatzrückgänge im Service-Geschäft“, sagt Philipp Oemler. „Für jedes Unternehmen stellt sich damit sehr konkret die Frage, in welchen Bereichen es sich differenzieren kann und wo nicht. Diese Klarheit ist Voraussetzung, um Investitionen gezielt zu steuern und Fehlallokationen zu vermeiden.“

Der Wettbewerbsdruck im Maschinen- und Anlagenbau nimmt auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu.

Methodik der Allensbach-Studie

Für den German Economic Pulse 2025 hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch insgesamt 169 deutsche Industrieunternehmen telefonisch befragt. Im Fokus standen energieintensive Industrie, Maschinen- und Anlagenbau sowie Automobilunternehmen.

Im Maschinen- und Anlagenbau wurden 58 Unternehmen befragt. Rund 80 % der Interviews wurden mit Vorständen oder Geschäftsführern geführt, die übrigen mit Bereichsleitern aus Finance, Strategie und Vertrieb. Die Ergebnisse zeigen, wie stark strukturelle Umbrüche inzwischen in der Führungsebene der Investitionsgüterindustrie angekommen sind.

Welche Maßnahmen Maschinenbauer jetzt ergreifen

Neue Erlösmodelle wie Pay-per-Use oder Monitoring-as-a-Service stehen bislang nur bei gut einem Drittel der Unternehmen auf der Agenda.

Die Reaktionen der Unternehmen fallen breit aus. Bei den Maschinenbauern, die sich von einem möglichen Verlust der Technologieführerschaft betroffen sehen, investieren 86 % verstärkt in den Aufbau eigener Software- und IT-Kompetenz. Weitere 3 % planen dies kurzfristig.

73 % arbeiten daran, ihre Innovationszyklen zu beschleunigen. Rund zwei Drittel intensivieren die Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen oder planen dies. Ebenfalls rund zwei Drittel wollen ihr Geschäft stärker auf Nischen fokussieren. Weitere 14 % sind bereits heute stark auf Nischen ausgerichtet.

Technologiepartnerschaften mit US- oder asiatischen Unternehmen sind dagegen bisher weniger verbreitet. Derzeit haben 14 % der Maschinenbauer solche Kooperationen aufgebaut, weitere 21 % planen entsprechende Partnerschaften.

Auch digitale Serviceangebote gewinnen an Bedeutung. Vier von fünf Unternehmen bauen eigene digitale Services auf oder planen dies kurzfristig. 72 % verlagern Produktionsschritte in Regionen mit niedrigeren Kosten oder bereiten solche Schritte vor.

Neue Erlösmodelle wie Pay-per-Use oder Monitoring-as-a-Service stehen bislang nur bei gut einem Drittel der Unternehmen auf der Agenda. Der Anteil liegt bei 37 %. Beteiligungen an spezialisierten KI-Start-ups ziehen 20 % in Betracht, um zusätzliche Impulse für Technologie und Geschäftsmodell zu gewinnen.

Warum Transformation mehr sein muss als Einzelmaßnahme

Aus Sicht von FTI-Andersch reichen einzelne Initiativen nicht aus, um die strukturellen Brüche im Maschinenbau abzufedern. Entscheidend wird, ob technologische Fähigkeiten, Serviceangebote und kommerzielle Logik in ein tragfähiges Geschäftsmodell überführt werden.

„Die Beobachtung aus unserer Beratungspraxis deckt sich mit den Ergebnissen der Allensbach-Untersuchung: Viele Unternehmen reagierten in den vergangenen Jahren aktiv, aber eher konservativ und fokussiert auf Teilbereiche“, sagt Philipp Oemler. „Im Maschinenbau wird sich vor dem Hintergrund der neuen Marktgegebenheiten künftig weniger über einzelne Maßnahmen entscheiden, sondern darüber, ob Technologie, Service und kommerzielle Logik zu einem stimmigen Geschäftsmodell verbunden werden. Genau dort liegt für einzelne Unternehmen der entscheidende Hebel. Entsprechend beobachten wir einen starken Anstieg im Bereich der umfassenden Transformationen.“

Die Studie zeigt zugleich, dass sich die Geschäftserwartungen der Maschinen- und Anlagenbauer gegenüber 2024 erholt haben. Nur noch 16 % fürchten eine Verschlechterung, im Vorjahr waren es 30 %. Gleichzeitig bleibt die Planbarkeit schwierig: 83 % der befragten Unternehmen sehen sich mit erschwerter Planbarkeit konfrontiert, bei 43 % ist sie deutlich erschwert.

Wie Protektionismus und KI die Lage verschärfen

Neben Technologieführerschaft, China-Wettbewerb und Servicegeschäft nennt die Vorlage weitere Belastungsfaktoren. Steigende Handelshemmnisse wie Zölle, Sanktionen oder Buy-local-Vorgaben beeinträchtigen die deutsche Exportindustrie. 45 % der Maschinen- und Anlagenbauer sehen ihren Betrieb bereits stark durch Protektionismus beeinträchtigt, 12 % sogar sehr stark.

Auch Künstliche Intelligenz verändert Strukturen und Prozesse. 60 % der befragten Maschinen- und Anlagenbauer gehen davon aus, dass sich ihr Unternehmen in den nächsten Jahren durch KI stark oder sehr stark verändern wird. Industrielle Potenziale sehen die Unternehmen vor allem in der vorausschauenden Wartung und in der Qualitätssicherung.

Gleichzeitig werden diese Potenziale laut Vorlage noch nicht vollständig ausgeschöpft. KI kommt bereits in einzelnen Feldern zum Einsatz, doch der breite industrielle Nutzen befindet sich vielerorts noch im Aufbau.

FAQ zur Technologieführerschaft im Maschinenbau

• Warum ist die Technologieführerschaft im Maschinenbau unter Druck? – Laut Allensbach-Studie erwarten viele Maschinen- und Anlagenbauer stärkeren Wettbewerb aus China und den USA.

• Wie viele Unternehmen fürchten den Verlust der Technologieführerschaft im Maschinenbau? – 53 % gehen davon aus, dass die Technologieführerschaft künftig vom Ausland übernommen wird oder bereits übernommen wurde.

• Welche Rolle spielt China für die Technologieführerschaft im Maschinenbau? – 93 % der befragten Maschinen- und Anlagenbauer halten einen stärkeren Markteintritt chinesischer Hersteller in Europa für wahrscheinlich.

• Wie reagieren Unternehmen auf den Druck bei der Technologieführerschaft im Maschinenbau? – Viele investieren in Software- und IT-Kompetenz, digitale Services, schnellere Innovationszyklen und Nischenstrategien.

• Welche Bedeutung hat KI für die Technologieführerschaft im Maschinenbau? – KI gilt als wichtiger Hebel, etwa für vorausschauende Wartung und Qualitätssicherung, wird aber laut Studie noch nicht vollständig genutzt.