Goldhofer Schlepper Phoenix, Bild: Voss

In der Rekordzeit von unter 60 Sekunden nimmt der Schlepper Phoenix ein Flugzeug auf. Bild: Voss

Auch das modernste Flugzeug kann eines nicht: den Rückwärtsgang einlegen. An dieser Stelle helfen Spezialfahrzeuge, welche die Maschinen in die gewünschte Start- oder Parkposition ziehen und schieben. Wie beispielsweise der Schlepper AST-2P/X des Unternehmens Goldhofer, kurz: Phoenix, der neu auf dem Markt ist. Die vierte Generation der stangenlosen Flugzeugschlepper ist in der Lage, mehr als 80 Prozent aller weltweit eingesetzten Flugzeuge zu bewegen.

Dazu zählen unter anderem die neue A350 von Airbus sowie die in der Entwicklung befindliche B777X von Boeing. Der Phoenix bewegt ein voll besetztes und voll betanktes Flugzeug, indem er das Bugrad des Flugzeuges mit den Schwenkarmen seiner Aufnahmevorrichtung umschließt, spannt und anhebt. In dieser Position zieht der Schlepper die Maschine bei Bedarf kilometerweit in der auf Flughafenarealen zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 32 km/h.

Weg vom Over-Engineering

Um das Flugzeug sicher aufzunehmen, benötigt der Phoenix weniger als eine Minute – was unter Flugzugschleppern einer Rekordzeit entspricht. Doch ging es dem Unternehmen in der Entwicklungsphase nicht nur um ein bestmögliches Leistungsniveau. „Mit dem Phoenix wollten wir weg vom allgemeinen Trend des Over-Engineerings. Daher haben wir uns auf das Wesentliche konzentriert und uns auf höchste Verfügbarkeit, verlässliche Technik und minimalen Wartungsaufwand fokussiert“, erklärt Stefan Fuchs, Vorstandsvorsitzender des Spezialfahrzeugbauers das Konzept.

Das Ergebnis ist ein neues, kompaktes und modulares Fahrzeugkonzept. Unter der Maßgabe des Lean-Design-Gedankens wurde die Aufnahmevorrichtung komplett neu gestaltet. Waren bei den Vorgängermodellen beispielsweise noch 14 Hydraulikzylinder im Einsatz, kommt der AST-2P/X mit acht Zylindern aus. Das übersichtliche Hydraulikschema bietet freien Zugang zu allen entscheidenden Wartungspunkten. Und entgegen dem Trend, Hydraulikrohre zunehmend durch Schläuche auszutauschen, setzten die Konstrukteure auf Hartverrohrung. „Wir verzichten weitgehend auf Schläuche, weil diese sehr wartungsintensiv sind“, erläutert Fuchs. „Rohre hingegen müssen nur zu Beginn vernünftig montiert werden. In Kombination mit zuverlässiger Verbindungstechnik entstehen wartungsarme, leckagefreie Systeme, die über die gesamte Lifetime-Performance unserer Fahrzeuge zuverlässig arbeiten.“

Eine besondere Rolle innerhalb des Hydrauliksystems übernimmt die Rohrverbindungstechnik. Hier setzt das Unternehmen für Spezialtransportfahrzeuge auf die weichdichtenden Schneidringe ES-4 von Voss. „Unserer Entscheidung für diese Technologie gingen zahlreiche Tests und Eignungsprüfungen voraus“, berichtet Fuchs. „Schließlich ist eine perfekte Hydraulik von Flugzeugschleppern das wichtigste Argument für Funktionalität und Langlebigkeit.“

Hohe Dauerfestigkeit

Weichdichtender Schneidring ES-4, Bild: Voss
Der weichdichtende Schneidring ES-4 sorgt im Phoenix für Leckagesicherheit und zuverlässigen Halt der Hydraulikrohre. Bild: Voss

Die weichdichtenden Schneidringe ES-4 bieten selbst bei kontinuierlicher dynamischer Belastung die geforderte dauerhafte und sichere Rohrhaltung sowie höchste Leckagesicherheit. Sie kommen an diversen Hydraulikverbindungsstellen des neuen Flugzeugschleppers zum Einsatz, unter anderem am Vormontageschild, einem entscheidenden Bauteil der Bugrad-Aufnahmeeinrichtung. Das Plus an Leckage- und Prozesssicherheit des Schneidrings ist unter anderem auf die ausgeklügelte Zweischneidentechnologie sowie die beiden integrierten Weichdichtungen zurückzuführen. Der Blockanschlag des Systems sorgt darüber hinaus für Übermontageschutz. Durch die Verteilung der Belastung auf zwei Schneiden soll die Verbindung eine hohe Dauerfestigkeit erhalten: Während die erste Schneide für den sicheren Halt des Rohres sorgt, verbessert die zweite Schneide die Ausreißsicherheit bei Druckschlägen und reduziert zudem die Gefahr von Leckagen auf ein absolutes Minimum. Der im Körper des Schneidrings integrierte Federeffekt verhindert zusätzlich Nachsetzerscheinungen, die durch Vibrationen entstehen könnten.

Selbst lang anhaltenden Vibrationen, wie sie beim kilometerlangen Abschleppen eines Flugzeuges entstehen können, wird auf diese Weise wirksam standgehalten. Im Sekundärbereich des Schneidrings befinden sich zwei vollgekammerte Weichdichtungen aus FPM. Sie dichten die beiden möglichen Leckagewege zum Rohr und zum Stutzen zusätzlich ab für den Fall, dass Hydraulikflüssigkeit die metallische Dichtung überwinden sollte. Eine besonders hohe Langzeitstabilität der Elastomere gewährleistet der Fluid-Spezialist sowohl durch die Materialauswahl als auch durch die geschützte Platzierung der gekammerten Weichdichtungen innerhalb des Schneidrings. Bei der Vor- und Endmontage forderte der Schlepperhersteller Goldhofer maximale Prozesssicherheit. Nicht zuletzt, weil sich statistisch mehr als 90 Prozent aller Leckagen von Verschraubungen auf Fehlmontagen zurückführen lassen.

Das Unternehmen für Spezialtransportfahrzeuge entschied sich daher für die Anschaffung mehrerer Vormontagegeräte der neuesten Generation: Der Typ 90 Comfort von Voss Fluid arbeitet mit Fehlererkennung und automatischer Druckeinstellung. So werden fehlende oder falsch eingelegte Schneidringe schon vor der Montage identifiziert sowie Über- und Untermontagen wirksam unterbunden. Die Monteure beim Spezialfahrzeugbauer rüsten das Vormontagegerät lediglich mit dem passenden verschleißfesten Voss-Werkzeug, das standardmäßig mit einem RFID-Chip ausgestattet ist. Das ins Typ 90 Comfort integrierte RFID-Lesegerät liest den Chip aus und stellt die entsprechenden Montageparameter automatisch ein. Direkt im Anschluss beginnt die prozesssichere und zügige Vormontage. Auch die Endmontage ist sicher gestaltet, da der ES-4-Schneidring auf Blockanschlag montiert wird. Der deutliche Kraftanstieg signalisiert dem Monteur den Endpunkt der Montage. Zum Abschluss markiert dieser die Verschraubung mit einem gelben Kreuz.

Langzeitkorrosionsschutz

Komplexe Hydrauliksysteme im Flugzeugschlepper, Bild: Voss
Komplexe Hydrauliksysteme wie beim Flugzeugschlepper sind der ideale Einsatzort für die Verbindungstechnik von Voss Fluid. Bild: Voss

Flugzeugschlepper kommen bei allen Wetterbedingungen zum Einsatz und sind im Winter aggressiven Enteisungsmitteln ausgesetzt. Deshalb sind die Anforderungen an den Korrosionsschutz sehr hoch. „Alle unsere Systembauteile sind mit höchstem Korrosionsschutz ausgelegt. Das muss natürlich auch für die Rohrverschraubungen gelten“, berichtet Fuchs. „Damit ist das gesamte System widerstandsfähiger gegenüber mechanischer Beanspruchung und gegenüber aggressiven Medien.“

Für den neuen Phoenix bedeutet dies: Sämtliche Hydraulikleitungen sind galvanisch verzinkt und erhalten eine zusätzliche organische Schutzschicht. Und auch die Rohrverschraubungen verfügen über einen Zink-Nickel-Oberflächenschutz. Im Fall der ES-4-Schneidringe ist dies der Langzeitkorrosionsschutz Voss coat. Er erreicht nicht nur die höchste Korrosionsbeständigkeitsklasse K5 nach dem VDMA-Einheitsblatt 24576, sondern überschreitet ebenfalls die geforderten Beständigkeitswerte gegen Weiß- und Rotrost. „Die ES-4-Schneidringe erfüllen unsere hohen Erwartungen zu einhundert Prozent“, resümiert Fuchs zufrieden. ssc/aru