Rund 27 % aller Maschinen werden manipuliert – mit bis zu 10.000 Unfällen pro Jahr. Hersteller stehen in der Verantwortung. Der Beitrag zeigt Ursachen, gesetzliche Anforderungen und konkrete Maßnahmen zur wirksamen Prävention.
Robert BönischRobertBönisch
Häufige Auslöser für Manipulation sind menschliche und organisatorische Ursachen wie Zeit- und Produktionsdruck, unzureichende Schulungen oder fehlende Sicherheitsstrukturen..Supachai-adobe.stock.com)
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Die Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen stellt
ein ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko dar. Nach Erhebungen
der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV, siehe Abschnitt
3.3, Manipulationsgeschehen) werden in Deutschland im Durchschnitt rund 27 %
aller Maschinen ständig oder vorübergehend manipuliert. Die Folgen sind
gravierend: bis zu 10.000 Arbeitsunfälle pro Jahr, darunter auch tödliche. Für
Maschinenhersteller ergibt sich daraus eine klare Verantwortung – denn viele
Manipulationen sind auf konstruktive Mängel oder eine unzureichende
Berücksichtigung der betrieblichen Arbeitsabläufe zurückzuführen.
Unter Manipulation versteht man das Umgehen oder Ausschalten
von Schutzeinrichtungen, um die Maschine in einer vom Hersteller nicht
vorgesehenen Weise oder ganz ohne Schutzeinrichtungen zu betreiben. Dafür gibt
es eine Vielzahl an Ursachen, die man frühzeitig erkennen muss, um Gefährdungen
zu vermeiden. Damit Manipulationen erst gar nicht entstehen, braucht es
sowohl verantwortungsbewusste Betreiber als auch Hersteller, die mögliche
Anreize zur Umgehung der Schutzsysteme von Anfang an berücksichtigen. Dieser
Beitrag richtet sich vor allem an Maschinenhersteller und zeigt Ursachen,
typische Manipulationsanreize und wirksame Gegenmaßnahmen.
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Gesetzliche Anforderungen
Die Anforderungen an Hersteller ergeben sich aus der
Maschinenrichtlinie 2006/42/EG sowie der neuen
Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 (MVO) und werden durch Normen
weiter konkretisiert. Artikel 10 der MVO beschreibt die zentralen
Herstellerpflichten. In Absatz 1 wird festgelegt, dass Maschinen so konstruiert
sein müssen, dass sie sicher sind – einschließlich der Berücksichtigung
vorhersehbarer Fehlanwendungen. Die grundlegenden Sicherheits- und
Gesundheitsschutzanforderungen sind in Anhang III der Verordnung detailliert
aufgeführt. Dort schreibt der Gesetzgeber unter anderem vor:
Steuerungen müssen so ausgelegt und beschaffen sein, dass sie, wenn den Umständen und Risiken angemessen, den zu erwartenden Betriebsbeanspruchungen sowie beabsichtigten und unbeabsichtigten Fremdeinflüssen, einschließlich vernünftigerweise vorhersehbare böswillige Versuche Dritter, die zu einer Gefährdungssituation führen, standhalten können;
Trennende
und nichttrennende Schutzeinrichtungen dürfen nicht auf einfache Weise umgangen oder unwirksam gemacht werden können, die Beobachtung des Arbeitsvorgangs nicht mehr als unvermeidbar einschränken. Sie müssen außerdem die für das Einsetzen und/oder den Wechsel der Werkzeuge und zu Wartungszwecken erforderlichen Eingriffe möglichst ohne Abnahme oder Außerbetriebnahme der Schutzeinrichtungen zulassen, wobei der Zugang ausschließlich auf den für die Arbeit notwendigen Bereich beschränkt sein muss.
Die Maschine und das dazugehörige Produkt müssen so konstruiert, gebaut und ausgerüstet sein, dass sich möglichst wenig Anlässe für ein Eingreifen der Bediener ergeben.
Kann ein Eingreifen der Bediener nicht vermieden werden, so muss es leicht und sicher auszuführen sein.
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Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 greift auch das Thema
Produktbeobachtung auf und stellt klare Anforderungen an Maschinenhersteller.
Ziel ist es, die Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus der Maschine zu
gewährleisten und Manipulationsrisiken frühzeitig zu erkennen. Dies bedeutet,
dass Hersteller auch auf Hinweise zur Manipulation ihrer Schutzsysteme
reagieren müssen. Wenn beispielsweise bekannt wird, dass bestimmte
Schutzeinrichtungen regelmäßig umgangen oder deaktiviert werden, sind Hersteller
dazu verpflichtet, Ursachen zu analysieren und gegebenenfalls technische oder
organisatorische Maßnahmen zu ergreifen. Die Produktbeobachtung wird somit zu
einem zentralen Instrument, um Manipulationsanreize frühzeitig zu erkennen und
die Sicherheit von Maschinen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu
gewährleisten.
Häufige Auslöser für Manipulation sind menschliche und
organisatorische Ursachen wie Zeit- und Produktionsdruck, unzureichende
Schulungen oder fehlende Sicherheitsstrukturen. Fehlende Konsequenzen geben
einen weiteren Anreiz, worauf Hersteller von Maschinen jedoch nur bedingt
Einfluss haben. Anders gestaltet sich dieser jedoch in Bezug auf technische
Ursachen. Technische Ursachen können sein:
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Unzureichende Ergonomie
Der Zugang zu Bedienelementen oder Arbeitsbereichen wird durch Schutzeinrichtungen erschwert. Schutzabdeckungen schränken die Sicht auf den Arbeitsprozess ein.
Fehlende Benutzerfreundlichkeit
Schutzsysteme sind kompliziert oder zeitaufwändig in der Bedienung.
Häufiges Öffnen und Schließen von Schutzeinrichtungen.
Unflexible Sicherheitskonzepte
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Spezielle Betriebsarten sind nicht im Sicherheitskonzept enthalten.
Reale Arbeitsabläufe unterscheiden sich von den für den sicheren Betrieb notwendigen Abläufen.
Werden die Ursachen nicht berücksichtigt, steigt die Gefahr
von Manipulationen. Häufig liegen diese Gründe im menschlichen Verhalten.
Komfort, der Wunsch nach höherer Effizienz oder fehlende technische
Alternativen sind typische Beispiele für Anreize zur Manipulation.
Maßnahmen zur Vermeidung von Manipulation
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Wirksame Maßnahmen kombinieren organisatorische und
konstruktive Ansätze. Ziel ist es, Manipulationsanreize zu minimieren und
gleichzeitig Bedienbarkeit und Funktionalität der Maschine zu erhalten.
Organisatorische Maßnahmen
Das Servicepersonal des Herstellers trägt eine besondere
Verantwortung. Maschinen dürfen weder während der Inbetriebnahme noch bei
Wartungsarbeiten unter den Augen des Betreibers manipuliert werden. Ein solches
Verhalten könnte den Eindruck erwecken, dass Manipulation in bestimmten
Situationen unvermeidbar ist
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Darüber hinaus muss das Servicepersonal Manipulationen
erkennen und dem Betreiber melden. Die gesammelten Informationen sollten an die
Konstruktionsabteilung weitergegeben werden, damit diese Erkenntnisse in die
zukünftige Konstruktion einfließen können. Ein strukturierter
Informationsaustausch zwischen den Abteilungen des Herstellers und des
Betreibers sorgt für Transparenz.
Manipulationen entstehen oft auch deshalb, weil sichere
Handhabungs- oder Betriebsweisen nicht bekannt sind. Schulungen und
verständliche Benutzerinformationen sind daher wichtige Maßnahmen, um einen
sicheren Betrieb der Maschine zu gewährleisten.
Produktspezifische Maßnahmen
Manipulation verhindern
Den größten Einfluss haben Maßnahmen, die direkt am Produkt ansetzen. Werden
mögliche Manipulationsanreize bereits im Sicherheitskonzept berücksichtigt und
die Konstruktion entsprechend gestaltet, lässt sich das Risiko deutlich senken.
Idealerweise wird die Möglichkeit zur Manipulation von Anfang an
ausgeschlossen. Ist das nicht realisierbar, sollten zumindest Maßnahmen
getroffen werden, die Manipulation erschweren und deren Erkennung ermöglichen.
Manipulation erschweren
Manipulationen lassen sich selbst bei geringem Anreiz nicht vollständig
ausschließen. Daher sollten Schutzeinrichtungen so konstruiert sein, dass eine
Manipulation nur mit erheblichem zeitlichem oder materiellem Aufwand möglich
ist. Normen bieten hierbei wertvolle Unterstützung: So beschreibt die
Norm EN ISO 14119:2025 in Kapitel 8 konkrete Maßnahmen, um
Manipulationen bei verriegelten, trennenden Schutzeinrichtungen zu erschweren.
Ein weiteres Beispiel ist die EN ISO 13849-1:2023, die sich in Kapitel 5 mit
der Minimierung von Anreizen zur Umgehung von Sicherheitsfunktionen
auseinandersetzt.
Manipulation erkennen
Je nach Sicherheitsfunktion kann es sinnvoll sein, deren korrekte Funktion und
die zum Prozessablauf passende Stellung zu überwachen. Dies lässt sich über die
Steuerung realisieren. Auch die Maschinenverordnung (MVO) stellt hierzu klare
Anforderungen, beispielsweise in Anhang III, Abschnitt 1.4.2 „Besondere
Anforderungen an trennende Schutzeinrichtungen“. So dürfen trennende
Schutzeinrichtungen nach dem Lösen nicht in ihrer Schutzstellung verbleiben.
Betriebsanleitung
Die Betriebsanleitung ist ein zentraler Baustein für den sicheren Betrieb von
Maschinen. Alle relevanten Inhalte müssen leicht auffindbar, klar verständlich
und so formuliert sein, dass sie die sichere Nutzung der Maschine in allen
Lebensphasen beschreiben. Dazu gehört auch die korrekte Anwendung der
vorgesehenen Schutzmaßnahmen.
Risikobeurteilung als zentrales Mittel zur Erkennung
Für Maschinenhersteller ist die Risikobeurteilung das
wichtigste Werkzeug, um Manipulationsrisiken frühzeitig zu erkennen und somit
zu minimieren. Bereits in der ersten Entwicklungsphase muss das Schutzkonzept
gegen mögliche Manipulationen fester Bestandteil der Konstruktion sein.
Nachträgliche Anpassungen oder Nachrüstungen sind nicht nur ineffizient,
sondern können erhebliche Risiken bergen. Eine gute Abstimmung mit dem späteren Betreiber hilft, die
echten Arbeitsabläufe zu verstehen und realistische Anforderungen zu
definieren. Fehlen diese Informationen oder sind sie unvollständig, muss der
Hersteller relevante Tätigkeiten selbst ermitteln und berücksichtigen.
Nach der Entwicklung des Schutzkonzepts gilt es zu prüfen,
ob die vorgesehenen Schutzeinrichtungen potenziell Manipulationsanreize bieten.
Solche Hinweise dürfen nicht ignoriert werden – sie sind wertvolle Ansatzpunkte
zur Optimierung der Konstruktion. Ziel ist es, durch technische und
ergonomische Verbesserungen die Motivation zur Umgehung von
Sicherheitsvorkehrungen zu reduzieren. Ergonomie spielt dabei eine wichtige Rolle: Eine
benutzerfreundliche Gestaltung erhöht die Akzeptanz von Sicherheitsfunktionen
und senkt die Wahrscheinlichkeit von Manipulationen. Zusätzlich müssen sichere
und praktikable Möglichkeiten vorgesehen werden, um vorhersehbare Fehler zu
erkennen und zu beheben – ein weiterer zentraler Bestandteil einer wirksamen
Risikobeurteilung. Damit wird die Risikobeurteilung zu mehr als einer
gesetzlichen Pflicht – sie ist ein Instrument zur Qualitätssicherung, zur
Haftungsreduzierung und zur Erhöhung der Sicherheit.
Manipulation von Schutzeinrichtungen ist und bleibt ein ernstes Thema.IBF)
Außerdem stellt der Arbeitskreis „Manipulation“ (der
sogenannte Mannheimer Verein zur internationalen Förderung der Maschinen-
und Systemsicherheit e.V.) zahlreiche Informationen wie Schulungsmaterial und konkrete
Praxisbeispiele online zur Verfügung. Das IFA und einige
Berufsgenossenschaften sind Teil dieses Arbeitskreises.
Fazit
Manipulation von Schutzeinrichtungen ist und bleibt ein
ernstes Thema. Hersteller können jedoch viel dazu beitragen,
Manipulationsrisiken zu erkennen und zu verringern. Entscheidend sind eine
durchdachte Konstruktion, eine frühzeitige und sorgfältige Risikobeurteilung
sowie ein transparenter Austausch zwischen allen Beteiligten. Technische Lösungen, ergonomische Verbesserungen und
praxisnahe Schulungen schaffen die Basis für sichere Maschinen. Wer
Manipulationsanreize konsequent minimiert, schützt nicht nur Menschenleben,
sondern steigert auch die Qualität und Zuverlässigkeit seiner Produkte.
FAQ zur Vermeidung von Manipulationen an Maschinen
Was versteht man unter Manipulation von Schutzeinrichtungen? - Das Umgehen oder Ausschalten von Schutzeinrichtungen, um die Maschine in einer vom Hersteller nicht vorgesehenen Weise oder ohne Schutzeinrichtungen zu betreiben.
Wie hoch ist der Anteil manipulierter Maschinen? - Nach DGUV-Erhebungen werden in Deutschland im Durchschnitt rund 27 % aller Maschinen ständig oder vorübergehend manipuliert.
Welche Rolle spielt die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230? - Sie verpflichtet Hersteller, Manipulationsrisiken bereits bei der Konstruktion zu berücksichtigen und im Rahmen der Produktbeobachtung auf entsprechende Hinweise zu reagieren.
Welche technischen Faktoren begünstigen Manipulationen? - Unzureichende Ergonomie, fehlende Benutzerfreundlichkeit und unflexible Sicherheitskonzepte erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Umgehungen.
Warum ist die Risikobeurteilung so wichtig? - Sie ist das zentrale Instrument, um Manipulationsanreize frühzeitig zu erkennen, konstruktiv zu minimieren und die Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus der Maschine zu gewährleisten.