Wasserstoff kann hochfeste Stähle verspröden – mit gravierenden Folgen für Brücken und Infrastruktur. Empa-Forschende untersuchen, wie atomarer Wasserstoff mit nativen Oxidschichten interagiert – räumlich und zeitlich hoch aufgelöst.
Anna EttlinAnnaEttlinAnna EttlinWissenschaftsjournalistin
Veröffentlicht
Der Einsturz der Carolabrücke 2024 wurde durch Wasserstoffversprödung an der stählernen Spannstruktur verursacht.pureshot-stock.adobe.com)
Anzeige
Wasserstoff schadet Stählen. Insbesondere hochfeste Stähle,
wie sie für den Bau von Brücken, Hochhäusern sowie Öl- und Gas-Infrastruktur
eingesetzt werden, sind anfällig auf Versprödung durch atomaren Wasserstoff aus
der Umwelt. Die komplexen Mechanismen dahinter sind noch nicht vollumfänglich
verstanden. Native Oxidschichten auf Stahl können als Barrieren wirken, die das
Eindringen von Wasserstoff in das Werkstück verhindern. Empa-Forschende wollen
untersuchen, wie Wasserstoff mit den dünnen Oxidschichten interagiert, und zwar
räumlich und zeitlich hoch aufgelöst.
Empa-Forscherinnen Chiara Menegus (hinten) und Claudia Cancellieri wollen untersuchen, wie Wasserstoff mit den dünnen Oxidschichten auf hochfesten Stählen interagiert.Empa)
In der Nacht auf den 11. September 2024 stürzte ein rund 100
Meter langer Abschnitt der Carolabrücke in Dresden in die Elbe. Die Ursache:
Risse an der stählernen Spannstruktur der Brücke. Der Schuldige: Wasserstoff.
Die Carolabrücke ist längst nicht das erste Bauwerk, dem Wasserstoff zusetzt.
Weitere bekannte Beispiele sind der Londoner Wolkenkratzer «122 Leadenhall
Street», im Volksmund als «Cheesegrater» bekannt, sowie der Teilneubau der Bay
Bridge in San Francisco, bei denen das Versagen der Stahlbolzen Sanierungskosten
in Millionenhöhe zur Folge hatte.
Anzeige
Der Prozess heisst Wasserstoffversprödung. Bestimmte
Korrosionsprozesse in Anwesenheit von Wasser setzen an der Oberfläche von
Stahlbauteilen atomaren Wasserstoff frei – das kleinste Element des
Periodensystems. Dank seiner geringen Grösse diffundiert der Wasserstoff in den
Stahl, wo er durch verschiedene Mechanismen Rissbildung begünstigt.
Dass Wasserstoff Metalle angreift, ist bereits seit dem 19.
Jahrhundert bekannt. Vollständig verstanden sind die komplexen Mechanismen
hinter der Wasserstoffversprödung allerdings bis heute nicht – trotz
zahlreicher Studien. Empa-Forschende aus dem Labor für Fügetechnologie und
Korrosion untersuchen nun eine Seite der Wasserstoffversprödung, der bisher
sehr wenig Aufmerksamkeit zuteil kam: die Interaktion des Wasserstoffs mit der
sogenannten native Oxidschicht auf Stahl.
Die native Oxidschicht, auch Passivierungsschicht genannt,
ist eine dünne Schicht, die sich auf natürliche Weise an der Oberfläche der
meisten Metalle und Legierungen bildet. Sie verleiht rostfreien Stählen ihre
Korrosionsbeständigkeit. Die Art und die Zusammensetzung der nur wenige
Nanometer dicken Schicht unterscheiden sich von Stahl zu Stahl. Gewisse Oxide
sind deutlich stabiler und resistenter gegenüber Wasserstoff als andere. Sie
schützen den Stahl besser vor Versprödung. Dies wollen die Empa-Forscherinnen
Chiara Menegus und Claudia Cancellieri untersuchen. Ein besonderes Augenmerk
legen sie dabei auf die Grenzfläche zwischen dem Metall und seiner Oxidschicht.
«Wasserstoff sammelt sich im Material jeweils dort an, wo Unordnung herrscht»,
erklärt Doktorandin Menegus. «Die Grenzfläche zwischen dem Metall und dem Oxid
ist eine solche Stelle.»
Die Forschung an Wasserstoff im Stahl ist herausfordernd.
Das leichte Element lässt sich mit gängigen Analysemethoden gar nicht
bestimmen. Auch müssen die Experimente unter Ausschluss aller weiteren
Umweltfaktoren wie Sauerstoff und Feuchtigkeit stattfinden – ansonsten
entstehen komplexe Interaktionen und Korrosionsprozesse, die den
Wasserstoffeinfluss maskieren. Die letzte grosse Herausforderung ist die
Grenzfläche selbst: «Es ist schwierig, eine verborgene Grenzfläche im Inneren
des Materials zu untersuchen, ohne die Probe zu zerstören», weiss Claudia
Cancellieri, Forschungsgruppenleiterin im Labor für Fügetechnologie und
Korrosion.
Diese Herausforderungen meistern die Forscherinnen mit einem
innovativen Versuchsaufbau. Im ersten Jahr ihres Doktorats hat Chiara Menegus
eine elektrochemische Zelle entwickelt, in der die Stahlprobe befestigt wird.
Auf einer Seite der Probe befindet sich Wasser, auf der anderen das inerte
Edelgas Argon. Durch Anlegen von elektrischer Spannung wird aus dem Wasser
atomarer Wasserstoff generiert. Er diffundiert durch die dünne Probe, bis es
die Oxidschicht auf der gegenüberliegenden Seite erreicht und hier mit dem
nativen Oxid interagiert. «So können wir die Interaktion von atomarem
Wasserstoff mit dem nativen Oxid von anderen Umwelteinflüssen isolieren»,
erklärt Menegus. Sämtliche Schritte – vom Zusammenbau der Zelle bis zur Analyse
der Probe – finden unter Schutzatmosphäre statt, in einer Glovebox.
Anzeige
... und fortschrittliche Methoden
Für die Charakterisierung der Proben greifen die
Forscherinnen auf eine in der Schweiz einmalige Analysetechnik zurück: Die
sogenannte harte Röntgenphotoelektronenspektroskopie (engl. «Hard X-ray
Photoelectron Spectroscopy», kurz HAXPES – s. Infobox). Diese
Spektroskopiemethode nutzt hochenergetische Röntgenstrahlung, um die Art und
den chemischen Zustand von Atomen in einem Material zu bestimmen, und zwar
nicht nur an der Oberfläche, sondern bis zu 20 Nanometer in der Tiefe – genug,
um die rund fünf Nanometer dicke Oxidschicht sowie die darunterliegende
Grenzfläche zum Stahl zu erfassen.
Zwar lässt sich der Wasserstoff selbst damit nicht direkt
erfassen – seine Auswirkungen auf die gesamte Oxidschicht konnten die
Forscherinnen jedoch bereits deutlich demonstrieren. «Die ersten Versuche
zeigen, dass der Wasserstoff die schützende Oxidschicht abbaut», sagt Menegus.
Nun will sie die Oxide auf unterschiedlichen Eisen-Chrom-Legierungen sowie auf
einigen gängigen Stählen untersuchen. Danach werden die Forscherinnen zusammen
mit dem «Ion Beam Physics Lab» der ETH Zürich den Wasserstoffgehalt in den
Proben direkt bestimmen – in Echtzeit, mit einer aufwändigen
Teilchenbeschleuniger-Methode. «Wir hoffen, dadurch den Effekt von Wasserstoff
auf die nativen Oxidschichten besser zu verstehen und besonders resistente
Oxidformen zu finden», resümieren Menegus und Cancellieri. Ihre Erkenntnisse
könnten zum Bau von langlebigeren Brücken führen – sowie zu besserer
Infrastruktur für die Lagerung und den Transport von grünem Wasserstoff.
Chiara Menegus und Claudia Cancellieri an der HAXPES-Anlage der Empa.Empa)
Anzeige
HAXPES
HAXPES steht für «Hard X-ray Photoelectron Spectroscopy» –
harte Röntgenphotoelektronenspektroskopie. Diese Analysemethode beruht auf dem
photoelektrischen Effekt, für dessen Entdeckung Albert Einstein 1921 den
Nobelpreis in Physik erhielt. Mit Röntgenstrahlung werden aus dem Material
Elektronen «herausgeschlagen», die Rückschlüsse auf die chemische
Beschaffenheit der Probe ermöglichen. Während herkömmliche
Röntgenphotoelektronenspektroskopie auf die Oberfläche des Materials beschränkt
ist, dringt die «harte» Version – HAXPES – dank hochenergetischer Strahlung
deutlich tiefer ins Material ein und erlaubt eine präzise Charakterisierung von
mehrschichtigen Strukturen und inneren Grenzflächen. Anwendungen hat HAXPES in
der Entwicklung von Mikroelektronik-Komponenten, Festkörperbatterien und
funktionalen Dünnschichten sowie in Katalyse und Korrosionsforschung. Die
einzige Anlage in der Schweiz steht im Labor für Fügetechnologie und Korrosion
an der Empa.
FAQ zur Wasserstoffversprödung
Was passiert bei Wasserstoffversprödung? - Bestimmte Korrosionsprozesse in Anwesenheit von Wasser setzen an der Oberfläche von Stahlbauteilen atomaren Wasserstoff frei, der in den Stahl diffundiert und Rissbildung begünstigt.
Welche Stähle sind besonders gefährdet? - Insbesondere hochfeste Stähle, wie sie für Brücken, Hochhäuser sowie Öl- und Gas-Infrastruktur eingesetzt werden, sind anfällig.
Welche Rolle spielt die native Oxidschicht? - Native Oxidschichten auf Stahl können als Barrieren wirken, die das Eindringen von Wasserstoff in das Werkstück verhindern; ihre Zusammensetzung unterscheidet sich je nach Stahl.
Warum ist die Grenzfläche zwischen Metall und Oxid so wichtig? - «Wasserstoff sammelt sich im Material jeweils dort an, wo Unordnung herrscht» und «Die Grenzfläche zwischen dem Metall und dem Oxid ist eine solche Stelle.»
Was leistet HAXPES in diesem Forschungsansatz? - HAXPES bestimmt Art und chemischen Zustand von Atomen bis zu 20 Nanometer in der Tiefe und erfasst damit Oxidschicht und darunterliegende Grenzfläche; der Wasserstoff selbst wird damit nicht direkt erfasst, seine Auswirkungen auf die Oxidschicht aber demonstriert.