Summary:
Prof. Katharina Schmitz sprach beim Internationalen Fluidtechnischen Kolloquium 2026 in Aachen über digitale Zwillinge in der Fluidtechnik. Im Mittelpunkt standen KI, Energieeffizienz, virtuelle Inbetriebnahme und Kreislaufwirtschaft. Die Auswirkungen reichen von geringeren Emissionen über schnellere Entwicklungsprozesse bis zu datenbasierten Entscheidungen im Betrieb.
Auf
dem Internationalen Fluidtechnischen Kolloquium 2026 in Aachen machte Prof.
Katharina Schmitz deutlich, dass die Fluidtechnik an einem strategischen
Wendepunkt steht. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und digitale
Zwillinge sind aus ihrer Sicht keine Zusatzoptionen mehr, sondern zentrale
Werkzeuge, um Produktivität, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit zugleich zu
steigern. Gerade in einer Branche, deren Systeme tief in mobile
Arbeitsmaschinen, Industrieanlagen und pneumatische Anwendungen eingebettet
sind, entscheidet die Qualität digitaler Modelle zunehmend über die
Zukunftsfähigkeit realer Maschinen. Der Handlungsdruck ist erheblich: Nach den im Vortrag
genannten Größenordnungen verursachen fluidtechnische Maschinen weltweit rund
fünf Prozent der energiebezogenen Emissionen. Das entspreche etwa dem
2,4-Fachen des globalen Luftfahrtsektors. Besonders relevant ist dabei, dass
ein großer Teil dieser Emissionen nicht aus der eigentlichen Arbeitsleistung
resultiert, sondern aus Verlusten in der Kraftübertragung sowie aus
Verbrennungs- oder elektrischen Prozessen. Genau hier setzt der digitale
Zwilling an: Er schafft Transparenz über Zustände, Lasten, Wirkungsgrade und
reale Einsatzprofile – und damit die Grundlage für gezielte
Effizienzsteigerungen.
Wie digitale Zwillinge Effizienzpotenziale sichtbar machen
Der besondere Mehrwert digitaler Zwillinge liegt in ihrer
Fähigkeit, die Lücke zwischen Konstruktion und Nutzung zu schließen. Während
Hersteller heute oft nur begrenzt wissen, wie ihre Komponenten im Feld
tatsächlich betrieben werden, kann ein digitaler Zwilling Daten über den
gesamten Lebenszyklus hinweg zusammenführen. Damit wird aus der klassischen
„Cradle-to-Gate“-Perspektive eine echte „Cradle-to-Grave“-Betrachtung. Für die
Fluidtechnik ist das von hoher Relevanz: Erst wenn bekannt ist, wie ein Ventil,
eine Pumpe oder ein hydraulischer Antrieb real beansprucht wurde, lässt sich
belastbar beurteilen, wie groß der tatsächliche CO2-Fußabdruck ist, wo
Optimierungspotenziale liegen und welche Optionen am Ende des ersten
Lebenszyklus sinnvoll sind.
Digitaler Zwilling unterstützt Betrieb und Wartung
Im Betrieb eröffnet der digitale Zwilling neue Möglichkeiten
der Echtzeitoptimierung. Betriebsparameter lassen sich laufend anpassen, um
Maschinen energetisch günstiger zu fahren. Das kann zunächst über
Assistenzfunktionen erfolgen, die dem Bediener Hinweise für den effizientesten
Arbeitspunkt geben. Perspektivisch reicht der Ansatz jedoch deutlich weiter: In
autonomen Systemen kann das virtuelle Abbild gemeinsam mit KI-basierten
Verfahren selbst entscheiden, welcher Betriebsmodus unter den gegebenen Randbedingungen
der beste ist. Aus Sicht der Fluidtechnik ist das ein Paradigmenwechsel – weg
von der isolierten Komponentenoptimierung, hin zu einem datenbasierten,
adaptiven Gesamtsystem.
Dabei ist Effizienz nicht nur eine Frage des
Energieverbrauchs, sondern auch der Produktivität. Eine Maschine, die einen
Arbeitsprozess schneller, präziser und mit weniger Stillstand absolviert,
benötigt für dieselbe Aufgabe insgesamt weniger Energie. Digitale Zwillinge
unterstützen diesen Zusammenhang über Condition Monitoring und Predictive
Maintenance. Wenn Zustände kontinuierlich überwacht und Wartungsbedarfe
frühzeitig erkannt werden, sinken ungeplante Ausfälle, während Verfügbarkeit
und Prozessstabilität steigen. Für Betreiber entsteht daraus ein doppelter
Nutzen: geringere Emissionen und höhere Wirtschaftlichkeit.
Welche Rolle KI in der Fluidtechnik übernimmt
Eine Schlüsselrolle spielt Künstliche Intelligenz dort, wo
klassische Modelle an Grenzen stoßen. Prof. Schmitz betonte, dass
fluidtechnische Systeme häufig hochkomplexe multiphysikalische und multiskalige
Zusammenhänge abbilden müssen. Genauigkeit und Rechengeschwindigkeit stehen
dabei oft in einem Spannungsverhältnis – insbesondere dann, wenn Modelle in
Echtzeit arbeiten sollen. KI-Verfahren, etwa Physics-Informed Neural Networks,
können helfen, komplexe physikalische Effekte schneller zu berechnen und Simulationen
massiv zu beschleunigen. Ebenso wichtig ist KI beim Data Mining, bei der
Verdichtung großer Datenmengen und bei der Ableitung neuer
Zustandsinformationen aus vorhandenen Signalen.
Ein anschauliches Beispiel für diesen Nutzen sind virtuelle
Sensoren. Statt zusätzliche Hardware zu verbauen, lassen sich bestimmte Größen
softwarebasiert aus vorhandenen Messwerten berechnen. In der Fluidtechnik kann
das etwa bedeuten, aus Drucksignalen, Stromstärke, Spannung oder
Schieberpositionen auf Durchflussraten oder andere schwer direkt messbare
Zustände zu schließen. Solche Soft-Sensoren reduzieren den Hardwareaufwand,
vermeiden zusätzliche Bauraum- und Kostenbelastungen und erweitern gleichzeitig
die Informationsbasis für Überwachung und Regelung. Sie sind damit ein
typischer Baustein jener „smarten Systeme“, die Prof. Schmitz als Voraussetzung
für die nächste Entwicklungsstufe der Fluidtechnik beschreibt.
Wie virtuelle Inbetriebnahme Entwicklungszeiten verkürzt
Auch im Engineering verschiebt sich der Maßstab. Durch
virtuelle Inbetriebnahme können Regelparameter am digitalen Modell optimiert
werden, noch bevor die reale Maschine vollständig aufgebaut ist. Im Vortrag
wurde von einer möglichen Reduktion des Zeitaufwands für die Inbetriebnahme um
bis zu 70 Prozent gesprochen. Für Maschinenbauer ist das weit mehr als ein
Effizienzgewinn im Detail: Entwicklungszeiten verkürzen sich, physische
Prototypen lassen sich reduzieren, und die Time-to-Market sinkt. Gerade in einem
Umfeld steigender Komplexität und wachsender Variantenvielfalt wird der
digitale Zwilling damit zu einem zentralen Element moderner
Entwicklungsprozesse.
Kreislaufwirtschaft braucht digitale Durchgängigkeit
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die
Kreislaufwirtschaft. Für Prof. Schmitz ist sie ohne digitale Durchgängigkeit
kaum realisierbar. Erst die systematische Erfassung von Nutzungsdaten erlaubt
belastbare Entscheidungen darüber, ob eine Komponente recycelt, umkonfiguriert
oder generalüberholt werden sollte. Der digitale Zwilling liefert dafür die
nötige Informationsbasis. Er macht sichtbar, ob ein Bauteil tatsächlich das
Ende seiner Lebensdauer erreicht hat oder ob eine weitere Nutzung technisch und
wirtschaftlich sinnvoll ist. Damit wird Nachhaltigkeit von einer abstrakten
Zielgröße zu einer datenbasierten Praxisfrage.
Warum die Umsetzung in der Praxis anspruchsvoll bleibt
Allerdings verschwieg der Vortrag auch die Hürden nicht. Die
Implementierung digitaler Zwillinge scheitert in der Praxis häufig nicht an
einer einzelnen Technologie, sondern an der Summe vieler Herausforderungen:
heterogene Datenformate, unklare Zuständigkeiten, fehlende Interoperabilität,
ungeklärte Eigentums- und Zugriffsrechte sowie die Frage nach dem konkreten
wirtschaftlichen Mehrwert. In diesem Zusammenhang verwies Schmitz auf die
Verwaltungsschale, die als standardisierte digitale Repräsentation eines Assets
den Datenaustausch über den Lebenszyklus hinweg strukturieren kann. Sie schafft
gemeinsame Semantik, ordnet Informationen und hilft dabei, Rechte und Zugriffe
sauber zu definieren. Gerade für vernetzte Wertschöpfungsketten ist das eine
wichtige Voraussetzung.
Entscheidend ist dabei der Perspektivwechsel, den Schmitz im
Vortrag mehrfach betonte: Nicht die einzelne Komponente steht im Mittelpunkt,
sondern das Zusammenspiel im Gesamtsystem. In Mobilhydraulik, Bau- und
Bergbaumaschinen oder industriellen Anlagen entfaltet sich das größte Potenzial
dort, wo Maschine, Prozess und Umgebung gemeinsam gedacht werden. Ein digitaler
Zwilling kann dann nicht nur den Zustand einer Pumpe oder eines Ventils
abbilden, sondern auch den Arbeitsfortschritt auf einer Baustelle, den
Materialfluss in einem Prozess oder den energetisch günstigsten Ablauf eines
kompletten Einsatzszenarios. Genau in dieser ganzheitlichen Betrachtung liegt
seine strategische Stärke.
Der Vortrag von Prof. Katharina Schmitz zeigt damit vor
allem eines: Die Zukunft der Fluidtechnik entscheidet sich nicht allein an
neuen Komponenten, sondern an der Fähigkeit, reale Systeme digital
verständlich, modellierbar und optimierbar zu machen. Digitale Zwillinge, KI
und standardisierte Datenräume sind dafür keine Selbstzwecke. Sie sind das
Instrumentarium, mit dem die Branche Energieverluste reduzieren,
Entwicklungsprozesse beschleunigen, Kreislaufwirtschaft ermöglichen und ihre
Rolle in einer klimaneutralen Industrie neu definieren kann. Damit wird der
digitale Zwilling vom Forschungsbegriff zum industriellen Hebel.
FAQ: Digitaler Zwilling in der Fluidtechnik
• Was bedeutet der digitale Zwilling für die Fluidtechnik? – Der digitale Zwilling verbindet Betriebsdaten, Modelle und Lebenszyklusinformationen, um fluidtechnische Systeme transparenter und effizienter zu machen.
• Wie verbessert der digitale Zwilling die Energieeffizienz in der Fluidtechnik? – Er macht Zustände, Lasten, Wirkungsgrade und reale Einsatzprofile sichtbar. Dadurch lassen sich Betriebsparameter gezielter optimieren.
• Welche Rolle spielt KI beim digitalen Zwilling in der Fluidtechnik? – KI hilft, komplexe physikalische Zusammenhänge schneller zu berechnen, große Datenmengen auszuwerten und virtuelle Sensoren zu ermöglichen.
• Wie unterstützt der digitale Zwilling die virtuelle Inbetriebnahme? – Regelparameter können am digitalen Modell optimiert werden, bevor die reale Maschine vollständig aufgebaut ist. Laut Vortrag ist eine Reduktion des Zeitaufwands um bis zu 70 % möglich.
• Warum ist der digitale Zwilling für Kreislaufwirtschaft in der Fluidtechnik relevant? – Er liefert Nutzungsdaten, mit denen sich entscheiden lässt, ob Komponenten recycelt, umkonfiguriert oder generalüberholt werden sollten.