In der Gesamtansicht zeigt die Kryopumpe des Iter-Tokamak die enormen Anforderungen und Herausforderungen für die beteiligten Unternehmen.Iter)
Anzeige
Summary:
Konstandin aus Karlsbad-Ittersbach entwickelte in Kooperation mit RI Research Instruments GmbH und Iter einen Steuerschrank für Kryopumpen im südfranzösischen Tokamak-Reaktor. Das System wurde Ende 2023 beauftragt, 2025 ausgeliefert und für den Einsatz unter Magnetfeldern, Strahlung, Wärme und Vibrationen qualifiziert. Es soll die präzise Regelung der Einlassventile sicherstellen und damit einen stabilen Betrieb der Kryopumpen ermöglichen.
Im internationalen Forschungsprojekt
Iter entsteht in Südfrankreich der weltweit größte Fusionsreaktor. Ziel ist die
Gewinnung sauberer Energie durch die Verschmelzung von Wasserstoffkernen zur
langfristig emissionsfreien Stromerzeugung. Am Projekt sind 35 Nationen
beteiligt. Das für die Kernfusion erforderliche Vakuum, dessen Druck nahezu der
Leere des Weltraums entspricht, lässt sich nicht allein mit mechanischen Pumpen
erzeugen. Daher kommen zusätzlich mehrere Kryopumpensysteme mit spezieller
Regeltechnik zum Einsatz. Herkömmliche Steuerungssysteme konnten den extremen
Bedingungen des Tokamak-Reaktors jedoch nicht standhalten. Die Lösung
entwickelte schließlich das Unternehmen Konstandin aus Karlsbad-Ittersbach, das bereits
acht Pneumatik-Großzylinder für die Kryopumpen lieferte. In Kooperation mit der
RI Research Instruments GmbH und der Iter Organisation entstand ein weltweit
einzigartiger Pumpensteuerungsschrank, der die groß dimensionierten
Einlassventile mit einem Durchmesser von fast 1.000 mm präzise mit einem
Ventilspiel von unter 1 mm regelt und den hohen Anforderungen an Magnetfeld-,
Strahlungs-, Wärme- und Vibrationsbeständigkeit genügt.
Was den Fusionsreaktor Iter so anspruchsvoll macht
Anzeige
Mathias Kraft, Leitung Konstruktion und Technik bei Konstandin zeichnet sich unter anderem zuständig für Entwicklung des Steuerschrankes für die Kryopumpe bei Iter.Konstandin)
„Bei
Iter gibt es keine Standardlösungen, jedes Bauteil muss eigens entwickelt
werden“, erklärt Mathias Kraft, Leitung Konstruktion und Technik bei Konstandin.
Der Satz bringt die Anforderungen an das neue Projekt auf den Punkt. Denn für
die Steuerung der Kryopumpen war eine Konstruktion notwendig, die nicht nur
zuverlässig arbeitet, sondern unter Umgebungsbedingungen funktioniert, die
weltweit einzigartig sind.
Iter steht für International Thermonuclear
Experimental Reactor und gilt als das ambitionierteste Energieprojekt der
Gegenwart. In dem Tokamak-Reaktor sollen künftig Temperaturen entstehen, die
höher sind als im Inneren der Sonne. Um diese kontrollierbar zu halten, ist ein
hocheffizientes Vakuumsystem unverzichtbar. Sechs Kryopumpen übernehmen die
Aufgabe, die beim Fusionsprozess entstehenden Gase abzusaugen. Für diese Pumpen
war jedoch kein passendes Steuerungssystem verfügbar. Der Betrieb verlangt eine
präzise Kontrolle des Einlassventils, das fast einen Meter Durchmesser besitzt
und sich nur um Millimeterbruchteile bewegen darf, um den Fluss der Gase exakt zu
regulieren.
Unmittelbar am Reaktor montiert
Anzeige
Das Herzstück des Iter-Fusionsreaktors ist fertiggestellt – der zentrale Solenoid-Magnet. Der 18 Meter hohe Zylinder des Plasmabehälters erzeugt ein 13 Tesla starkes Magnetfeld.Iter)
Bereits 2021 hatte Konstandin für die RI Research Instruments GmbH acht Pneumatik-Großzylinder für
die Kryopumpen geliefert. Auf dieser positiven langjährigen Erfahrung aufbauend
beauftragte die RI Research Instruments GmbH das Unternehmen Ende 2023 mit der
Entwicklung des kompletten Steuerschranks. Die Anforderungen kamen direkt von Iter
und stellten aufgrund der Sicherheitsstandards für kerntechnische Anwendungen eine
wirkliche Herausforderung dar. Der Schrank sollte in Portzellen unmittelbar am
Reaktor montiert werden und dort Magnetfeldern, hohen Temperaturen von bis zu
sechzig Grad, Vibrationen und ionisierender Strahlung widerstehen.
Die Zellen
fungieren als Schnittstelle zwischen dem Reaktorkern und der Außenwelt. In
enger Abstimmung zwischen der RI Research Instruments GmbH, Iter und Konstandin
entstand ein Steuersystem, welches die Ventilbewegung pneumatisch und damit
besonders sicher umsetzt. Die Steuerung ermöglicht das
erforderliche schnelle Öffnen beziehungsweise Schließen des Ventils und garantiert eine Positioniergenauigkeit
mit einem Spielraum von unter einem Millimeter.
Wie der Steuerschrank die Kryopumpen regelt
Anzeige
Die Steuerung sorgt für schnelles Öffnen bzw. Schließen des Ventils mit einer Positioniergenauigkeit von unter einem Millimeter Spielraum.Konstandin)
Der
Steuerschrank arbeitet als pneumatische Steuereinheit und kommt nahezu ohne
elektronische Komponenten aus, wodurch er auch in einer Umgebung mit starker
Strahlung zuverlässig und ausfallsicher funktioniert. Geregelt wird er von
einer extern positionierten SPS-basierten Steuerung außerhalb der
Strahlungszone. Leitungen führen die Steuerluft zu größeren Ventilen, die den
Kolben des Einlassventils antreiben und in wenigen Sekunden 80 Liter Druckluft
verdrängen.
Das System ermöglicht schnelles Öffnen und Schließen, präzise
Zwischenstellungen und Notstopps. Über spezielle Ventilschaltungen lassen sich
unterschiedliche Geschwindigkeiten realisieren, während eine Leckkompensation
Druckverluste automatisch ausgleicht. Die doppelt ausgeführten
Sicherheitsventile gewährleisten eine sichere Entlastung bei Überdruck und selbst
kleinste Druckdifferenzen werden erkannt und ausgeglichen.
Cobalt Atlantis, Konstrukteur bei Iter, zeichnete verantwortlich für die Spezifikationen und Vorgaben zur Herstellung und Testen des Prototypen-Steuerschrankes für die Kryopumpe.Iter)
Das System ist vollständig
verrohrt, um langfristig sicher zu arbeiten. Schlauchverbindungen, die in
dieser Umgebung nicht zulässig wären, wurden vermieden. Edelstahlrohre
widerstehen Vibrationen und Temperaturschwankungen und garantieren volle
Dichtigkeit. Bei der kompakten Gehäusegröße von 600 × 600 Millimetern musste
die Anordnung exakt geplant werden, sodass jede Verschraubung funktional und
jede Leitung zugänglich bleibt. Strenge Materialvorgaben verboten fluorhaltige
Stoffe und Standarddichtungen; spezielle Materialien für Ventile, Sensoren und
Verschraubungen wurden geprüft, freigegeben oder eigens gefertigt. Konstandin
koordinierte den gesamten Prozess eng mit den Zulieferern und dokumentierte
jedes Detail qualifiziert.
Warum Standardkomponenten nicht ausreichten
Anzeige
Die immens großen Einlassventile der Kryopumpe mit fast 1.000 mm Durchmesser und minimalem Ventilspiel unter 1 mm verdeutlichen die extremen Anforderungen an die präzise Steuerung.Iter)
„Das Iter-Projekt stellte
außergewöhnliche Anforderungen an uns, die weit über den klassischen Anlagenbau
hinausgingen. Alle Schritte, Bauteile und Verbindungen mussten geprüft,
dokumentiert und freigegeben werden. Besondere Schwerpunkte lagen auf
Vibrationsbeständigkeit, Temperaturfestigkeit, seismischer Stabilität und
elektromagnetischer Unempfindlichkeit“, erläutert Kraft. In den Portzellen können Magnetfelder
von bis zu einem halben Tesla auftreten, was die Materialwahl stark
einschränkte. Die Montage in den beengten Portzellen war herausfordernd. In
mehreren Entwicklungsschleifen optimierte das Team das Schrankdesign, sodass
alle Komponenten Platz fanden und gleichzeitig robust, wartungsfreundlich platziert
und funktionssicher waren. Verfügbarkeitsprobleme einzelner Bauteile
erforderten die Auswahl und Prüfung alternativer Komponenten, die denselben
Sicherheits- und Materialstandards entsprachen. Ein weiterer Schwerpunkt war
die Fluorfreiheit der Materialien, da herkömmliche Dichtungen und Schläuche
unter Strahlung instabil werden könnten. Spezielle Metalldichtungen stellen
eine zuverlässige Abdichtung sicher.
Welche Tests der Prototyp bestehen musste
Guim Pallas, F4E ACS Responsible, arbeitet als Projekt Manager für den Fusionsreaktor bei der europäischen Agentur Fusion for energy (F4E) in Barcelona.Iter)
Während der Entwicklungsphase wurden neue
Bauteilvarianten flexibel integriert, wodurch das Steuersystem weiter optimiert
werden konnte. In der Kryogen-Testanlage wurden die realen Bedingungen des
Tokamaks simuliert und der Steuerschrank geprüft. Er arbeitete präzise,
reagierte stabil auf Druckänderungen und bestand alle Belastungstests ohne Leckagen
oder Fehlfunktionen. Die Spezifikationen für den Bau und die Testvorgaben des
Steuerschrank-Prototypen wurden von Herrn Colbalt Atlantis, Konstrukteur bei Iter,
entwickelt. Die Zuverlässigkeit und Robustheit der Anlage konnte vollständig
bestätigt werden. „Die Bedienung der Einlassventile erfolgte exakt, die Sicherheitssysteme
reagierten wie geplant und die Steuerung gilt nun als qualifiziert“, so Guim
Pallas, ACS (Actuator Control System) Responsible bei Fusion for energy,
der europäischen Agentur für das Iter-Project. Dieses Ergebnis kann deshalb
auch als Beweis für die Leistungsfähigkeit deutschen Ingenieurwesens auch unter
extremen Bedingungen perfekte Lösungen zu entwickeln, angesehen werden.
Anzeige
Was die Auslieferung 2025 für das Projekt bedeutet
Mit
der Auslieferung der Steuerschränke in 2025 ist ein weiterer Meilenstein im
Aufbau des Iter-Reaktors erreicht. Die geprüften Anlagen sind bereit für die
Integration in den Tokamak-Reaktor, die bis 2029 abgeschlossen sein soll. Ein
wesentlicher Faktor für das Gelingen des Projektes war, dass die Zusammenarbeit
zwischen den Projektpartnern funktionierte. Konstandin, die RI Research
Instruments GmbH, Fusion for energy und Iter haben gemeinsam ein System
geschaffen, das weltweit Maßstäbe setzt. Für die Betreiber bedeutet der
Steuerschrank vor allem Sicherheit und Zuverlässigkeit. Die Kryopumpen werden
exakt gesteuert, jede Bewegung des Einlassventils ist präzise zu kontrollieren und
Druckunterschiede sofort auszugleichen. Die Erfahrungen aus dem Iter-Projekt
fließen bereits in neue Entwicklungen ein. „Wir haben bereits innerhalb des
Projektes weitere Aufträge zur Entwicklung spezieller Zylinder von Iter
erhalten. Von dem hier erzielten Know-how werden zukünftig auch andere Kunden
aus Bereichen wie der Energietechnik sowie der Luft- und Raumfahrt bei der
Entwicklung neuer Anwendungen profitieren“, so Kraft.
Die Meldung basiert auf der bereitgestellten Presseinformation von Konstandin, RI Research Instruments GmbH und Iter.
Anzeige
Der Magnet des torusförmigen Tokamak-Reaktors wird bis zu 500 Sekunden lange Magnetpulse erzeugen und das eingeschlossene Plasma auf eine Temperatur von 150 Millionen Grad erhitzen.Iter)
FAQ Fusionsreaktor Iter
Welche Aufgabe übernimmt der Steuerschrank im Fusionsreaktor Iter? – Er regelt die Einlassventile der Kryopumpen präzise und ermöglicht schnelles Öffnen, Schließen sowie definierte Zwischenstellungen.
Warum ist der Fusionsreaktor Iter für die Steuerung so anspruchsvoll? – Am Einsatzort wirken Magnetfelder, ionisierende Strahlung, Vibrationen und Temperaturen bis 60 Grad auf das System ein.
Wer entwickelte die Lösung für den Fusionsreaktor Iter? – Konstandin entwickelte den Steuerschrank in Kooperation mit der RI Research Instruments GmbH und der Iter Organisation.
Wann wurde die Lösung für den Fusionsreaktor Iter ausgeliefert? – Die Auslieferung der Steuerschränke erfolgte 2025.
Welche Bedeutung hat der Steuerschrank für den Fusionsreaktor Iter? – Er soll die präzise Kryopumpenregelung und damit einen stabilen Betrieb im Tokamak-Reaktor sicherstellen.