Fluidtechnik im Strukturwandel

Fluidtechnik muss auf Kooperation setzen

Dr. Christian Geis ordnete auf dem IFK 2026 in Aachen die Lage der Fluidtechnik ein. Die Branche steht nach zwei schwierigen Jahren vor der Neuorientierung. Hydraulik stabilisiert sich, Pneumatik bleibt uneinheitlich. Kooperation wird zur Schlüsselressource.

Warum wird Kooperation in der Fluidtechnik wichtig? Dr. Christian Geis ordnete auf dem IFK 2026 in Aachen die Lage der Fluidtechnik ein.

Summary: Dr. Christian Geis ordnete auf dem IFK 2026 in Aachen die Lage der Fluidtechnik ein. Hydraulik zeigt erste Wachstumsimpulse, während Pneumatik uneinheitlich bleibt. Entscheidend für die Branche werden Standardisierung, Digitalisierung, Forschung, Nachwuchs und stärkere europäische Vernetzung.

Die Fluidtechnik steht nach zwei wirtschaftlich herausfordernden Jahren vor einer Phase der Neuorientierung. Während sich die Hydraulik zunehmend stabilisiert und erste Wachstumsimpulse verzeichnet, bleibt die Entwicklung in der Pneumatik uneinheitlich. Diese Zweiteilung ist jedoch weniger Ausdruck kurzfristiger Konjunkturschwankungen als vielmehr ein Hinweis auf einen tiefergehenden strukturellen Wandel innerhalb der Branche.

„Wir haben die Talsohle in der Hydraulik durchschritten“, betonte Dr. Christian Geis, stellvertretender Geschäftsführer Fluidtechnik und Geschäftsführer des Forschungsfonds Fluidtechnik, auf dem Internationalen Fluidtechnischen Kolloquium (IFK) 2026 in Aachen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass sich die Branche nicht in falscher Sicherheit wiegen dürfe: „Die Rahmenbedingungen bleiben volatil – geopolitisch, wirtschaftlich und technologisch.“ 

Tatsächlich zeigen aktuelle Zahlen eine vorsichtige Trendwende. Auftragseingänge ziehen wieder an, insbesondere durch Impulse aus dem Bereich mobiler Arbeitsmaschinen. Dennoch bleibt die Entwicklung fragil – nicht zuletzt, weil die Fluidtechnik eng an die Investitionszyklen ihrer Abnehmerindustrien gekoppelt ist.

Vier Hebel für die Zukunftsfähigkeit

Vor diesem Hintergrund wird klar: Die Zukunft der Branche entscheidet sich nicht allein am Markt, sondern vor allem in ihrer strategischen Ausrichtung. Geis skizziert vier zentrale Handlungsfelder, die über die Wettbewerbsfähigkeit der Fluidtechnik entscheiden werden.

Erstens gewinnt die Standardisierung an Bedeutung. Sie ist weit mehr als ein technisches Detail – sie wird zum wirtschaftlichen Faktor. „Standardisierung ist die Voraussetzung für Skalierung und Interoperabilität“, so Geis. Gerade in einer zunehmend vernetzten Industrieumgebung sei sie essenziell, um Komplexität beherrschbar zu machen.

Zweitens steht die Digitalisierung im Zentrum der Transformation. Künstliche Intelligenz, Machine Learning und datenbasierte Modelle eröffnen neue Möglichkeiten in der Systemüberwachung und -steuerung. „Wir sprechen nicht mehr nur über Komponenten, sondern über intelligente Systeme“, erklärte Geis. Sensorik wird dabei zur Schlüsseltechnologie: Sie liefert die Daten, auf denen neue Geschäftsmodelle und Funktionalitäten aufbauen.

Drittens rückt die Forschung noch stärker in den Fokus. Innovation entsteht heute nicht mehr isoliert im Unternehmen, sondern im Zusammenspiel mit wissenschaftlichen Partnern. Genau hier liegt eine traditionelle Stärke der Fluidtechnik – und gleichzeitig ein entscheidender Hebel für die Zukunft.

Und viertens wird die Nachwuchssicherung zur strategischen Aufgabe. „Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte dringender denn je“, so Geis. Die enge Einbindung von Studierenden in Forschungsprojekte sei dabei ein zentraler Baustein.

Kooperation als Innovationsmotor

Im Zentrum dieser Strategie steht ein Prinzip, das die Fluidtechnik seit Jahrzehnten prägt: Kooperation. Der Forschungsfonds Fluidtechnik ist hierfür ein herausragendes Beispiel. Seit 1975 bündelt er die Kräfte von Industrie und Wissenschaft und ermöglicht gemeinsame Forschungsprojekte, die einzelne Unternehmen allein kaum realisieren könnten.

„Innovation entsteht dort, wo Forschung beginnt – und Forschung funktioniert am besten gemeinsam“, fasste Geis zusammen. Der Fonds finanziert Projekte zu zentralen Zukunftsthemen wie Energieeffizienz, Sensorik oder Künstlicher Intelligenz. Aktuell werden rund 18 Vorhaben parallel bearbeitet. Besonders bemerkenswert ist dabei die doppelte Wirkung dieser Kooperation: Sie beschleunigt nicht nur technologische Entwicklungen, sondern sichert zugleich den Fachkräftenachwuchs. Jährlich entstehen mehrere Dissertationen sowie zahlreiche Abschlussarbeiten, deren Ergebnisse direkt in die industrielle Praxis einfließen. Diese enge Verzahnung von Theorie und Anwendung gilt als „essenzielle Stärke der Branche“, wie Geis betonte – und als Modell, das künftig weiter ausgebaut werden soll.

Europa als neue strategische Ebene

Neben der nationalen Forschung gewinnt die europäische Dimension zunehmend an Bedeutung. Denn zentrale Herausforderungen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Resilienz lassen sich nicht im Alleingang lösen.

Mit Organisationen wie CETOP und der neu gegründeten European Academic Fluid Power Association (EAFPA) entstehen derzeit neue Strukturen, die eine engere Verzahnung von Industrie, Wissenschaft und Politik ermöglichen sollen. CETOP ist die europäische Dachorganisation der Fluidtechnik und die gemeinsame Stimme von Hydraulik- und Pneumatikunternehmen in Europa. Als Netzwerk nationaler Fachverbände fördert CETOP den fachlichen und politischen Austausch innerhalb der Branche, begleitet technische und regulatorische Entwicklungen auf europäischer Ebene und setzt Impulse in den Bereichen Bildung, Markttransparenz und industrielle Transformation. Damit versteht sich die Organisation als zentrale Plattform für Wissenstransfer, Interessenvertretung und Vernetzung in der europäischen Fluidtechnik. Ziel ist es, die Fluidtechnik stärker in europäischen Förderprogrammen zu verankern und ihre Rolle als Schlüsseltechnologie sichtbar zu machen.

Dabei wird auch ein grundlegendes Problem deutlich: „In Brüssel weiß man oft gar nicht, was Fluidtechnik eigentlich ist“, so Geis. Entsprechend wichtig sei es, durch Positionspapiere und strategische Kommunikation ein Bewusstsein für die Leistungsfähigkeit der Branche zu schaffen. Die EAFPA übernimmt hierbei eine zentrale Rolle. Sie fungiert als akademisches Gegenstück zur industriellen Interessenvertretung und koordiniert Forschungsaktivitäten auf europäischer Ebene. Gleichzeitig soll sie helfen, gezielt Zugang zu Fördermitteln – etwa aus den Horizon-Programmen – zu erschließen.

Fazit: Vernetzung entscheidet

Die Fluidtechnik befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderung. Technologische Innovation, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Rahmenbedingungen greifen ineinander und erhöhen die Komplexität der Herausforderungen. Die zentrale Antwort darauf lautet Kooperation. Ob in der Forschung, in europäischen Netzwerken oder im Dialog mit der Politik – die Fähigkeit zur Vernetzung wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor. „Die Zukunft der Fluidtechnik wird nicht im Alleingang gestaltet“, so Geis. „Sie entsteht im Zusammenspiel von Industrie, Wissenschaft und Politik.“

FAQ Fluidtechnik

• Warum ist Kooperation in der Fluidtechnik wichtig? – Kooperation bündelt Kompetenzen aus Industrie und Wissenschaft und beschleunigt gemeinsame Forschungsprojekte.

• Welche Rolle spielt Digitalisierung in der Fluidtechnik? – Digitalisierung ermöglicht intelligente Systeme, datenbasierte Modelle sowie neue Ansätze in Überwachung und Steuerung.

• Warum ist Standardisierung für die Fluidtechnik relevant? – Standardisierung schafft Voraussetzungen für Skalierung, Interoperabilität und beherrschbare Komplexität.

• Welche Bedeutung hat Forschung für die Fluidtechnik? – Forschung stärkt Innovation und verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit industrieller Anwendung.

• Warum wird Europa für die Fluidtechnik strategisch wichtiger? – Europäische Netzwerke sollen Sichtbarkeit, Förderzugang und Zusammenarbeit von Industrie, Wissenschaft und Politik verbessern.