Wachstum bricht 2026 durch Handelskrieg deutlich ein
Bisher schlug sich der Welthandel trotz Handelskrieg besser als gedacht. Doch 2026 dürften die Folgen nun deutlicher spürbar werden. Das zeigen Analysen des weltweit führenden Kreditversicherers Allianz Trade im aktuellen „Economic Outlook“.
Redaktion FLUIDRedaktionFLUID
Veröffentlicht
Handelsbeschränkungen betreffen fast 20 % der weltweiten Importe und Waren im Wert von schätzungsweise 2,7 Billionen US-DollarJason-stock.adobe.com)
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Der weltweite Handel mit Waren und Dienstleistungen dürfte
sich aufgrund der verzögerten Auswirkungen des Handelskriegs von +2 % im Jahr
2025 auf +0,6 % im Jahr 2026 verlangsamen – ein Rückgang um rund zwei Drittel.
Erst 2027 zeigt sich dann wieder eine leichte Erholung mit einem Plus von
voraussichtlich 1,8 %.
Auch die Weltwirtschaft fährt weiterhin mit angezogener
Handbremse: Das globale Bruttoinlandsprodukt wächst 2025 um magere 2,7 % sowie
2026 um 2,5 % und damit weit unterdurchschnittlich. Gleichzeitig bleiben
Stagflationsrisiken bei einer weiterhin hohen Inflation von 3,9 % (2025)
beziehungsweise 3,6 % (2026) bestehen.
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„Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“: 2026 kommt die
Zoll-Quittung
„Aufgeschoben ist leider nicht aufgehoben“, sagt Milo
Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
„2025 war gekennzeichnet von vorgezogenen Lieferungen und US-Hamsterkäufen, von
Verschiebungen der Handelsströme und signifikanten Investitionen in Künstliche
Intelligenz. Das hat den Welthandel gestützt. 2026 dürfte aber die Quittung des
Handelskriegs folgen und das Wachstum des Welthandels deutlich einbrechen.“
Diese Entwicklung geht an den meisten Industrienationen
nicht spurlos vorbei – sie stehen vor den niedrigsten Wachstumsraten seit 2008,
auch die US-Wirtschaft selbst tritt auf der Stelle: Das BIP in den USA wird
2025 voraussichtlich um +1,8 % und 2026 um +1,6 % wachsen, was zu den
niedrigsten Wachstumsraten seit Beginn des Jahrhunderts zählt und unter ihrem
Potenzial liegt. Dabei zahlen US-Unternehmen nur bei rund einem Viertel der
importierten Produkte die Zeche für die Zoll-Mehrkosten. Bei mehr als drei Viertel
aller Produkte bleibt dies entweder an den US-Verbrauchern oder ausländischen
Exporteuren hängen.
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Puffer für US-Wirtschaft: KI-Investitionen, Zinssenkung,
fiskalische Impulse
„Bisher haben sich politische Unsicherheiten und
Zollerhöhungen nicht voll auf die US-Wirtschaft durchgeschlagen. Als Puffer
wirkte der starke Anstieg bei den KI-bezogenen Investitionen wie Rechenzentren,
aber auch Soft- und Hardware sowie der relativ robuste Konsum“, sagt Ana Boata,
Head of Economic Research bei Allianz Trade. „2026 dürften sich Zölle
sukzessive auf Verbraucherpreise auswirken und den Konsum belasten – abgefedert
durch niedrigere Leitzinsen und weiteren fiskalischer Impulsen der
US-Regierung, um die Wirtschaft anzukurbeln. Insgesamt erwarten wir einen
Rückgang beim Wachstum, aber keinen drastischen Einbruch.“
Auch die Eurozone kommt kaum von der Stelle mit einer
weiteren Verlangsamung des Wachstums von 1,2 % im Jahr 2025 auf +0,9 % im
kommenden Jahr. Deutschland steht vor dem dritten Jahr in Folge mit
wirtschaftlicher Stagnation (+0,1 % BIP-Wachstum in 2025) und kommt auch in den
kommenden Jahren voraussichtlich nur langsam in Fahrt. Die Allianz Trade
Volkswirte rechnen 2026 mit einer moderaten Erholung von +1,0 % und weiteren
+1,4 % im Jahr 2027.
Deutschland erholt sich langsam: Mut und Investitionen
für Kehrtwende nötig
„Deutschlands exportorientiertes Wirtschaftsmodell bleibt
unter Druck und ist anfällig für globale Fragmentierung und zunehmenden
internationalen Wettbewerb, insbesondere durch China“, sagt Bogaerts. „Aber
strukturelle Herausforderungen wie Demografie, Rentensystem, Bürokratie und
Ineffizienzen auf dem Arbeitsmarkt bremsen das langfristige Wachstum bisher
aus. Deshalb ist hierzulande Mut gefordert, vor allem bei den Investitionen und
der grünen und digitalen Transformation.“
Auch China gerät stärker unter Druck und das Wachstum dürfte
voraussichtlich von +4,8 % im Jahr 2025 auf +4,2 % im Jahr 2026 zurückgehen.
Rückenwind gibt es für die Länder in Mittel- und Osteuropa, Lateinamerika und
Afrika, die ihre Wachstumsraten in diesem Zeitraum entweder beibehalten oder
beschleunigen können.
Während der Welthandel 2026 den Tiefschlag durch die Zölle
verdauen muss, lauern bereits weitere – nicht unwahrscheinliche –
Abwärtsrisiken, allem voran eine weitere Zoll-Eskalation. „Eine weitere Zoll-Spirale könnte den Welthandel
schlimmstenfalls in eine Rezession stürzen“, sagt Boata. „Die
Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist mit 45 % relativ hoch.“ Dazu müssten drei Szenarien eintreten: die Eskalation der
Zölle durch Präsident Trump im Rahmen der Section 232-Maßnahmen, die Aufhebung
der Produktausnahmen und das Ende des aktuellen „Zollfriedens“ mit China. Dann
drohen schwerwiegende negative Auswirkungen auf das globale Wachstum und einen
starken Anstieg der Inflation in den USA. Außerhalb der USA würde die geringere
Nachfrage aus den USA zu einem Überangebot und steigenden Lagerbeständen
führen, insbesondere in Asien, was die globalen Preise massiv unter Druck
setzen würde.
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Weitere Abwärtsrisiken liegen in einem möglichen
De-Dollarisierungsschock in der US-Geldpolitik (35 % Wahrscheinlichkeit), in
einer Staatsschuldenkrise (20 % Wahrscheinlichkeit), die die die Fiskalpolitik
in Frankreich, Italien, Großbritannien und den USA einschränken könnte sowie
einer weiteren Zunahme geopolitischer Spannungen – insbesondere bei einem
Konflikt zwischen der NATO und Russland, einer Eskalation im Nahen Osten und
ein offener Konflikt zwischen China und Taiwan.
Zölle haben sich seit 2024 fast verdoppelt – Lieferketten
im Umbruch
Die weltweiten Lieferketten haben sich in den vergangenen
Jahren stark verändert. Der Welthandel befindet sich in einem anhaltenden
Umbruch, getrieben durch Geopolitik, Protektionismus und den Auswirkungen des
Klimawandels. In seiner Studie „Welthandel“ analysiert Allianz Trade auch die
Einflussfaktoren sowie Chancen und Risiken für Lieferketten, Handelsdrehkreuze
und Transportwege.
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„Die Lieferketten von Unternehmen haben sich in den
vergangenen Jahren nachhaltig verändert: Resilienz kommt inzwischen vor
Effizienz“, sagt Dr. Jasmin Gröschl, Senior Volkswirtin bei Allianz Trade.
„Unternehmen haben auf die harte Tour gelernt, dass Waren besser später als gar
nicht ankommen; längere Transportwege sind inzwischen häufig das kleinere
Übel.“
Der Handel zwischen geopolitisch ähnlich ausgerichteten
Volkswirtschaften gewinnt im Kontext des Handelskriegs, zunehmender Spannungen
und wachsenden Protektionismus an Bedeutung.
„Die politische Ausrichtung spielt im Welthandel inzwischen
eine sehr große Rolle“, sagt Gröschl. „Steigt die geopolitischen Distanz[1]
um 10 % , führt dies zu einem Rückgang des bilateralen Handels um etwa -2 %.
Das bedeutet auch: Lieferketten müssen sich anpassen.“ Diese geopolitische Fragmentierung des Welthandels fällt mit
einem Wiederaufleben des Protektionismus zusammen.
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Protektionismus auf Höhenflug: betroffenes Handelsvolumen
fast verdreifacht
„Allein im vergangenen Jahr hat sich das durch
Handelsbeschränkungen betroffene Handelsvolumen fast verdreifacht und betrifft
Waren im Wert von schätzungsweise 2,7 Billionen US-Dollar. Das sind fast 20 %
der weltweiten Importe“, sagt Gröschl. „Haupttreiber sind vor allem neu
eingeführte Importzölle. Bis Mitte Oktober wurden 309 neue Zölle eingeführt,
das sind fast doppelt so viele wie im Gesamtjahr 2024. Dies fördert zunehmendes
Friendshoring und Regionalisierung.“
Deutschland ist als Exportnation besonders stark betroffen:
Während im Jahr 2023 nur rund 2% der deutschen Exporte von neuen Zollmaßnahmen
betroffen waren, stieg dieser Anteil im Jahr 2024 bereits auf 7%. Mitte
November dieses Jahres lag der Anteil bei rund 25% der deutschen Ausfuhren. Mehr als die Hälfte des von Allianz Trade erwarteten
weltweiten Handelswachstums von lediglich 2 % im Jahr 2025 geht auf eine
Umleitung von US-Importen weg von China, eine Vorverlagerung von Lieferungen
vor der Einführung höherer US-Zölle sowie eine stärkere Diversifizierung des
Handels zurück. Zusammen tragen diese Faktoren rund 1,3 Prozentpunkte des
ohnehin geringen prognostizierten Gesamtwachstums bei. Für 2026 und 2027
erwarten die Allianz Trade Volkswirte eine Verlangsamung des globalen Handels
mit Waren und Dienstleistungen auf +0,6 % bzw. +1,8 %. Dies verdeutlicht die
verzögerten Auswirkungen des Handelskriegs und die Herausforderungen, denen
sich die derzeitige Handelsinfrastruktur stellen muss.
In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich die weltweiten
Handelsströme stärker in Richtung befreundeter oder geografisch naher Länder
verlagert („Friendshoring“ und Regionalisierung). Das zeigt sich auch in den
Zahlen: In mehreren Regionen hat der Handel innerhalb der eigenen Region im
Verhältnis zur gesamten Weltwirtschaft deutlich zugenommen – besonders stark in
den asiatischen Entwicklungsländern (+302 %), aber auch in Nordamerika (+38 %),
Subsahara-Afrika (+88 %) und Lateinamerika (+16 %). Der Handel innerhalb Asiens
ist dabei besonders stark gewachsen, um +337%. Aber auch der Handel asiatischer
Länder (hautsächlich China) mit anderen Regionen hat zugenommen: die Exporte
nach Lateinamerika stiegen um 412% und jene nach Subsahara-Afrika um 161%.
Klimawandel neben politischen Risiken größte Gefahr für
maritime Drehkreuze
Neben Geopolitik und Protektionismus spielt aber auch der
Klimawandel im globalen Handel eine immer größere Rolle. „Das Risiko politischer oder klimatischer Schocks für
internationale Handels-Drehkreuze wächst“, sagt Lluis Dalmau, Volkswirt bei
Allianz Trade. „Der Suez- und der Panamakanal führen die Liste der
Hochrisiko-Engpässe an: Kapazitäten und Alternativen sind begrenzt, politische
Risiken in fast allen Meeresengen sehr hoch und die klimatischen Risiken
steigen fast überall – für die Häfen selbst aber aufgrund der niedrigen
Wasserstände auch in der Binnenschifffahrt, allen voran am Jangtse in China als
wichtigen Handelsstrom, aber beispielsweise auch an Donau und Rhein in
Deutschland.“
Niedrige Wasserstände könnten auch für den Hamburger Hafen
perspektivisch ein klimatisches Risiko darstellen – als Tidehafen ist er
besonders stark von Wasserstand und Gezeiten abhängig, zusätzlich zu möglichen
Sturmfluten. Asiatische Drehkreuze sind leistungsfähig und zuverlässig,
stehen aber unter wachsendem politischem Druck. Europäische Häfen punkten mit
starker Infrastruktur, sind jedoch vor allem im Süden zunehmend klimatischen
Risiken ausgesetzt. Drehkreuze vom Nahen Osten bis Südafrika sichern Effizienz,
bleiben aber politisch und ökologisch verwundbar. In Amerika ist die
Zuverlässigkeit hoch, doch die Kapazitäten an Atlantik- und Golfküste werden
knapper.
Nase vorn: Vereinigte Arabische Emirate, Vietnam und
Malaysia sind Handelsdrehkreuze der Zukunft
Ranking der Handelszentren der ZukunftAllianz Trade)
Inmitten all dieser bereits bestehenden Veränderungen
zeichnen neue Handels- und Produktionszentren die Weltkarte neu. Das
aktualisierte Allianz Trade Ranking der Handelszentren der nächsten Generation
zeigt, dass sich die Volkswirtschaften in drei Ebenen – multimodal, logistisch
und intermediär – neu positionieren, da Zölle, Sanktionen und Veränderungen in
der Lieferkette die globalen Ströme neu gestalten.
Die Vereinigten Arabischen Emirate (Platz 1) und Malaysia
(Platz 3) führen als konsolidierte multimodale Kraftzentren, gestützt durch die
gute Hafeninfrastruktur von Häfen wie Jebel Ali und Port Klang, die Asien, den
Nahen Osten und Europa verbinden. Vietnam springt auf Platz 2, getragen von
steigenden Exporten und einem neuen Zollabkommen mit den USA, das seine Rolle
im Zentrum der Umverteilung der Produktion in Asien festigt. Saudi-Arabien
(Platz 4) verzeichnet mit einem Sprung um 11 Plätze den stärksten Anstieg, da
niedrigere Zölle (~4 %) und wachsende Nicht-Öl-Exporte sein Handelspotenzial
erweitern. Kasachstan (Platz 16) steigt als wichtiger Logistikknotenpunkt in
die Spitzenränge auf, wobei die Drehkreuze Khorgos und Nur Zholy immer mehr
eurasische Fracht umschlagen. Weiter unten auf der Liste liegen Thailand (Platz
8), Indien (Platz 12) und Südafrika (Platz 23), die trotz Weltklasse-Terminals
wie Laem Chabang und Tanger-Med in Sachen Konnektivität hinterherhinken,
während Indonesien (Platz 11) und Bangladesch (Platz 15) mit Investitionslücken
von über 1 Billion US-Dollar zu kämpfen haben.
FAQ Prognose Welthandel
Wie entwickelt sich der Welthandel laut Prognose? - Der Handel mit Waren und Dienstleistungen soll sich von +2 % (2025) auf +0,6 % (2026) verlangsamen und 2027 voraussichtlich um 1,8 % wachsen.
Wie fällt das globale Wirtschaftswachstum aus? - Das globale BIP wächst 2025 um 2,7 % und 2026 um 2,5 %, bei gleichzeitig hoher Inflation von 3,9 % (2025) und 3,6 % (2026).
Warum wird 2026 als Wendepunkt beschrieben? - Allianz Trade erwartet, dass 2026 die verzögerten Folgen des Handelskriegs stärker spürbar werden und das Wachstum des Welthandels deutlich einbricht.
Welche Abwärtsrisiken nennt Allianz Trade? - Genannt werden unter anderem eine weitere Zoll-Eskalation, ein möglicher De-Dollarisierungsschock, eine Staatsschuldenkrise und geopolitische Spannungen.
Was bedeutet „Kochrezepte“ oder „Friendshoring“ in diesem Zusammenhang? - Friendshoring beschreibt die Verlagerung von Handelsströmen hin zu befreundeten oder geografisch nahen Ländern; dies geht mit einer stärkeren Regionalisierung des Handels einher.