Die Referenzfabrik.H2 hat die industrielle Produktion von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen vorangebracht. Sie hat die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Serienfertigung geschaffen und adressiert damit zentrale Kostentreiber der Wasserstofftechnologie.
Ragna SonderleittnerRagnaSonderleittner
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Die Stacking-Anlage der Referenzfabrik.H2: Hubeinheit für Stapel (orange), Werkstückträger mit Führungen (Mitte), Transfersystem, Greifer mit Fließsauger, Abstreifer und zwei Kameras zur Lagekorrektur.Fraunhofer IWU)
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Die Preise müssen runter: Eine konsequente Reduzierung der
CO₂-Emissionen ist ohne verbesserte Verfügbarkeit von Elektrolyseuren und
Brennstoffzellen schwer vorstellbar. Noch werden diese zentralen Wasserstoffsysteme
in vergleichsweise geringen Stückzahlen produziert. Ein Grund dafür sind die Herstellkosten.
Die vom Fraunhofer IWU orchestrierte Referenzfabrik.H2 setzt genau dort an.
Sie schafft die Voraussetzungen für eine industrielle
Massenproduktion und dafür geeignete Produktionssysteme. Zum Abschluss der
Wasserstoffprojekte H2GO (Brennstoffzellen insbesondere für die Lastenmobilität)
und FRHY (Elektrolyseurproduktion) sind nun alle Bausteine der
Referenzfabrik.H2 verfügbar. Für die Industrie ergibt sich ein erhebliches
Wertschöpfungspotenzial. ‚Auf 20 in 27‘ lautet das Leistungsversprechen der
Referenzfabrik.H2: Bis 2027 sollen die Kosten für die Herstellung von
Elektrolyseuren und Brennstoffzellen auf 20 %
der aktuellen Werte gedrückt werden.
Physisch angesiedelt ist
die Referenzfabrik.H2 in der »Forschungsfabrik« des Fraunhofer IWU. Als Wertschöpfungsgemeinschaft
mehrerer Fraunhofer-Institute und zahlreicher Partnerfirmen zeigt sie
Referenzszenarien für eine effiziente, skalierbare Produktion
entlang der gesamten Wertschöpfungskette
auf. Prozesse und Anlagen sind auf das Rolle-zu-Rolle-Prinzip ausgerichtet.
Dabei wird typischerweise Material von einer Rolle abgewickelt, bearbeitet und
wieder aufgerollt. In Kombination mit der kontinuierlichen Fertigung (ohne
zwischenliegende Pausen) ermöglicht dieses Verfahren eine effiziente Produktion
in großen Mengen. Zur Infrastruktur der Referenzfabrik.H2 zählt insbesondere
auch ein Labor, in dem die fertigungsgerechte Produktgestaltung (‚Design for
Production‘) in mehreren Testschleifen vor Serienstart überprüft werden kann.
Für die Fertigung von Bipolarplatten, wesentliche Bauteile
von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen , setzt die Referenzfabrik.H2 vorrangig
auf das Hohlprägewalzen als kontinuierliches Verfahren. Letztlich resultieren daraus
deutlich geringere Herstellungskosten pro Bauteil. Gegenüber klassischen
Pressverfahren sinken die Prozesskräfte um den Faktor 10, wodurch die benötigte
Anlagentechnik kleiner, leichter und kostengünstiger dimensioniert werden kann.
Elektronenstrahlschweißen
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Kompakt und leistungsfähig: Die flexRollmax kann Bleche bis 0,5 mm Stärke prägen (Elektrolyseure), die BPPflexRoll ist für besonders geringe Blechstärken (Brennstoffzellen) bestens geeignet.Fraunhofer IWU)
Zum Fügen der wenige zehntel Millimeter dünnen metallischen
Bipolarplatten von der Größe eines DIN A4-Blatts sind Schweißnähte mit einer
Gesamtlänge von mehr als einem Meter auszuführen, sodass die Schweißgeschwindigkeit
maßgeblich für die Fertigungszeit ist. Beim Elektronenstrahlschweißen sind Elektronen
das Medium – mehrere elektromagnetische Linsen steuern die negativ geladenen
Teilchen, welche mit bis zu zwei Dritteln der Lichtgeschwindigkeit auftreffen
und die beiden Werkstücke miteinander verschmelzen. Dieses Verfahren kommt ohne
träge Lenkungsmechanik wie beim Laserschweißen aus. Dank der Möglichkeit zur
schnellen Ablenkung des Strahls lassen sich mehrere Prozesszonen gleichzeitig
bearbeiten, wo bislang eine Fügestelle nach der anderen ‚abgearbeitet‘ werden
muss. Aus qualitativer Sicht spricht außerdem für diese Technik, dass sie unter
Vakuumbedingungen zum Einsatz kommt. Diese garantieren konstante Bedingungen
ohne störende Schwankungen von Luftdruck oder Luftfeuchtigkeit.
Je hochwertiger die Schweißverbindung der Bipolarplatten,
desto höher fällt der Wirkungsgrad des Systems aus. Sinkt zugleich die
Bearbeitungszeit, reduzieren sich die Fertigungskosten. Um eine durchgängig wirtschaftliche
Herstellung der Stack-Komponenten im Rolle-zu-Rolle-Verfahren (R2R) zu
ermöglichen, wurden außerdem neue, kontinuierliche Produktionstechnologien für
die Applikation der Dichtung entwickelt.
Stack to Piece: Am Standort Wolfsburg steht eine Forschungsplattform zur Untersuchung von Stack-Typen bereit.Fraunhofer IWU
Einzigartige Anlage
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Beim Anlagendesign lag der Schwerpunkt auf der Entwicklung
eines neuartigen Stacking-Konzeptes, das eine hochratenfähige Montage der
Einzelkomponenten gestattet und ohne Parallelisierung beziehungsweise Kommissionierung
auskommt. Die Chance einer substanziellen Verkürzung des Stapel- und Montageprozesses
ergibt sich aus der konsequenten Nutzung der Rolle-zu-Rolle-Technologie für die
Herstellung der Einzelkomponenten (BPP/Bipolarplatten, PTL/Porous Transport
Layer und CCM/Catalyst Coated Membrane), die bis zum Stacking im Band vorliegen
und erst im Prozess separiert werden. Besonders innovativ ist die Verspannung
der Komponenten als automatisierter, reproduzierbarer und kostengünstiger Prozess.
Die Referenzfabrik.H2 kann Elektrolyseur- und
Brennstoff-Einzelzellen sowie -Systeme auf Herz und Nieren prüfen – um
Leistung, Haltbarkeit, Zuverlässigkeit und andere wichtige Eigenschaften unter
verschiedenen Betriebsbedingungen zu charakterisieren und zu bewerten. Die
Prüfstände in Chemnitz ermöglichen, das Materialkonzept zu validieren, bevor
ein Produkt in die Serienfertigung geht.
Kreislaufwirtschaft Brennstoffzelle
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Im nationalen Aktionsplan H2GO untersuchte der Verbund
Stack to Piece, welche Maschinen, Anlagen und Prozesse benötigt werden, um
Brennstoffzellensysteme nicht nur automatisiert montieren, sondern am Ende ihres
Produktlebens auch zerstörungsfrei in effizienten Prozessen wieder demontieren
zu können. Projektpartner sind die Fraunhofer-Institute IST, IWU, IKTS und
IFAM.
Quelle:
Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU
FAQ: Häufig gestellte Fragen zur Referenzfabrik.H2
Was ist die Referenzfabrik.H2?
Die Referenzfabrik.H2 ist ein industrielles Plattformprojekt
des Fraunhofer IWU und weiterer Institute. Sie wurde entwickelt, um die
Serienproduktion von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen wirtschaftlich und
skalierbar zu machen.
Warum ist die Referenzfabrik.H2 wichtig für die
Energiewende?
Elektrolyseure und Brennstoffzellen sind
Schlüsseltechnologien für eine CO₂-neutrale Energieversorgung. Die Fabrik
schafft die Voraussetzungen, diese Technologien in großen Stückzahlen zu
bezahlbaren Kosten herzustellen – eine Grundvoraussetzung für eine breite
industrielle Nutzung von Wasserstoff.
Welche Technologien kommen in der Produktion zum Einsatz?
Zum Einsatz kommen fortschrittliche Produktionstechnologien
wie das Rolle-zu-Rolle-Verfahren, Hohlprägewalzen zur Herstellung von
Bipolarplatten sowie Elektronenstrahlschweißen für präzise und schnelle
Fügeprozesse unter Vakuumbedingungen.
Was bedeutet das Ziel „20 in 27“ konkret?
Bis zum Jahr 2027 sollen die Herstellungskosten für
Elektrolyseure und Brennstoffzellen auf 20 %
des heutigen Niveaus gesenkt werden – ein
ambitioniertes Ziel, das über Prozessinnovationen und
Skalierung erreicht werden soll.
Welche Rolle spielt das Design-for-Production-Prinzip?
In einem eigenen Prüflabor wird die fertigungsgerechte
Produktgestaltung getestet. So können Designfehler frühzeitig erkannt und
optimiert werden, bevor die Serienproduktion startet – ein zentraler Baustein
für Qualität und Wirtschaftlichkeit.
Was ist das Besondere am Stacking-Konzept der
Referenzfabrik?
Das neu entwickelte Stacking-Verfahren ermöglicht eine
hochratenfähige Montage der Stack-Komponenten ohne manuelle Vorbereitungs- oder
Parallelisierungsprozesse. Die Komponenten werden direkt aus der Rolle
verarbeitet und im Band gestapelt.
Wird auch die Recyclingfähigkeit der Systeme
berücksichtigt?
Ja, im Rahmen des Projekts H2GO wurde erforscht, wie
Brennstoffzellen am Lebensende automatisiert und zerstörungsfrei demontiert
werden können – ein wichtiger Beitrag zur Kreislaufwirtschaft im
Wasserstoffsektor.