Störende Schwingungen – ein Thema das in der Hydraulik immer latent ‚mitschwingt‘. Verschiedene Lösungsansätze zeigen, was im Vorfeld sowie im akuten Störungsfall getan werden kann.
Sind Schwingungen im Hydrauliksystem, ist die Fehlersuche meist mühselig.newlifestock - stock.adobe.com)
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Wenn die Hydraulik ein Eigenleben entwickelt, Schläuche
unkontrolliert zucken und ruckeln, der Geräuschpegel ins Unerträgliche steigt
und Lasten ins Schlingern geraten, ist die Not groß. „Wenn Schwingung da sind,
ist das ärgerlich – dann muss man noch einmal eingreifen, was Kosten
produziert, und Zeitverlust bedeutet“, sagt André Westhoff, Inhaber Westhoff
Mobile Hydraulik (WMH), einem Systemintegrator für Hydraulikanwendungen in
Nutzfahrzeugen. Die Fehlersuche ist häufig mühselig. Denn die Ursachen erhöhten
Schwingungsverhaltens sind vielfältiger Natur. „Da kann vieles mitspielen“,
sagt Westhoff. Ist die Maschine unterschiedlichen Temperaturen,
Einsatzbedingungen und Ölviskositäten ausgesetzt, hat dies immer Auswirkungen.
„Das Thema Schwingungen ist immer latent vorhanden. Jeder, der sich mit Hydraulik beschäftigt, weiß, dass Schwingungen auftreten können und im Fall der Fälle sehr unangenehm sind.“
André Westhoff, Inhaber Westhoff Mobile Hydraulik
Die Führung der Schläuche, Beschaffenheit des Tanks,
Auslegung des Systems oder schlicht Dinge außerhalb der Hydraulik beeinflussen
das Schwingungsverhalten. „Nicht immer ist die Hydraulik verantwortlich“,
betont Westhoff. Verursacher kann zum Beispiel der Antriebsmotor sein. „Der
Verbrennungsmotor ist ein wunderschönes Beispiel für die Komplexität der
Problematik: Er arbeitet intermittierend, die Kolben bewegen sich auf und ab
und erzeugen Kräfte in allen drei Raumrichtungen. Auch das abgegebene
Drehmoment ist nicht konstant, sondern schwingt ins Positive und Negative“,
sagt Patrick D. Fischer, Division Engineering Manager bei Parker Hannifin,
Hydraulic Pump & Motor Division Europe. Wenn in das System keine konstante
Drehzahl eingebracht wird, versucht die Verstellpumpe die unterschiedliche
Drehzahl auszutarieren. „Das unterschiedlich ankommende Öl am Steuerventil
verursacht dann Schwingungen“, ergänzt Westhoff.
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Besser nicht ignorieren
Ignoriert man die Schwingungen, mag das eine Weile gut
gehen, doch letztendlich schadet dies auf Dauer: „Die verschiedenen Lastwechsel
äußern sich in rohen Druckspitzen, die Schlauchleitungen extrem belasten, aber auch
die Bauteile selbst“, sagt Westhoff. Wenn etwa die Bauteile regulär auf 300 bar berechnet sind und die Schwingung
Druckspitzen von 400 bar
erzeugt, führt das zu erhöhtem
Verschleiß. Die Hydraulikpumpe, das Bauteil, das den
Druck erzeugt, leidet besonders. Durch die Schwingung entstehen sowohl Druckschwankungen
als auch Volumenstromschwankungen – die Ölsäule wird beschleunigt und
abgebremst. „Das kann zu Kavitation führen“, sagt Westhoff. Kavitation kann an
fast jedem Bauteil Schäden hervorrufen. So können im laufenden Betrieb Wellen
brechen, Lagerschäden oder sich lösende Schraubenverbindungen auftreten.
„Schwingungen sind generell für alle Maschinenelemente
problematisch. Auch Dichtungsschäden und Leckagen können die Folge sein“, sagt
Fischer. Unerwünschte Geräusche belasten zusätzlich. „Letztendlich generieren
all diese durch Schwingungen bedingten Phänomene Geräusche und
Geräuschbelastungen, die man nicht haben will“, so Fischer.
Doch nicht nur die Schäden sind ein Ärgernis: „In
Hydrauliksystemen mit Regelaufgaben erschweren Schwingungen die präzise
Steuerung. Wenn beispielsweise eine Position über den Zylinder angefahren
werden soll und alles schwingt, ist mehr Nachregelung erforderlich“, berichtet
Fischer. Stark schwankende Drehzahlen sind im Einsatz nicht akzeptabel.
Westhoff beschreibt dies am Beispiel eines hochdynamischen Systems, wie zum
Beispiel einem Lkw-Ladekran, der sich schnell bewegen soll, aber plötzlich
anfängt zu schwingen. „Dann habe ich keine Positionierkontrolle mehr. Er bewegt
sich mal links, mal rechts, mal rauf, mal runter, was nicht gewollt ist“, sagt
Westhoff. So stellt sich bereits bei der Planung die Frage, welche
Volumenströme und Drehzahlen sind erforderlich und sind Geräusche womöglich
weniger wichtig? „Oft müssen Kompromisse eingegangen werden. Eine Einkapselung
der Pumpe zur Geräuschreduzierung macht das Produkt beispielsweise teurer“,
berichtet Fischer.
Das traditionelle Zahnprofil einer herkömmlichen Außenverzahnungs-Pumpe.Marzocchi Pompe)
Das schraubenförmige Elika-Zahnprofil ohne Einschlusszone.Marzocchi Pompe)
Das Problem ist altbekannt und hat bereits vor 100 Jahren
die Ingenieurswelt beschäftigt. Danilo Persici, Entwicklungsingenieur bei dem
italienischen Pumpenhersteller Marzocchi Pompe S.p.A., berichtet von dem Erfinder
Francis W. Davis, der um 1900 eine schrägverzahnte Zahnradpumpe entwickelte,
die wesentlich geräuschärmer arbeitete als andere Verdrängerpumpen. „In
Verdrängerpumpen verursacht das eingekapselte und pulsierende Öl zwischen den
Zähnen der Pumpe die störenden Geräusche“, sagt Persici. Die Pumpen Francis W.
Davis wurden erfolgreich in den Automodellen Pierce-Arrow und Buick verbaut.
Allerdings war die Herstellung des Zahnprofils damals noch sehr aufwendig und
teuer. Daher wurde die Herstellung der Pumpen während der Wirtschaftskrise 1934
eingestellt. „Wir haben diese Technologie nun 90 Jahre später wieder aufgegriffen,
um sie für Hochdruck- und Mobilanwendungen zu nutzen“, sagt Persici. Gemeinsam
mit der Universität Bologna entwickelte Marzocchi die Zahnradpumpe Elika. Dank
der patentierten Schrägverzahnungstechnologie erzielt Elika eine geringe
Geräuschentwicklung und hohe Effizienz über einen breiten Drehzahlbereich,
insbesondere in Kombination mit bürstenlosen Motoren mit variabler Frequenzumsteuerung.
„Elika reduziert die Geräuschemission im Vergleich zu einer herkömmlichen Zahnradpumpe
um bis zu 15 dBA“, so der Ingenieur.
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Elika-Pumpe mit zwei gegenläufigen Zahnradwendeln. Die Schrägverzahnung erzeugt Axialkräfte, deren Größe proportional zum Arbeitsdruck ist und die durch Ausgleichszylinder hydraulisch ausgeglichen werden.Marzocchi Pompe)
Kolbenpumpen mit Vorkompressionsvolumen zur
Schwingungsdämpfung
„Das Beste ist, Schwingungen direkt an der Quelle zu reduzieren – also eine Pumpe zu entwickeln, die von sich aus weniger Schwingungen abgibt. Daran arbeiten wir heute.“
Patrick D. Fischer, Division Engineering Manager Parker Hannifin, Hydraulic Pump & Motor Division Europe
Welche Maßnahmen gegen unerwünschte Schwingungen und
Geräusche möglich sind, variiert stark, je nach Anwendungsfall und Pumpenart:
„Bei Pumpen schwingt typischerweise der Volumenstrom – die Flüssigkeit wird
nicht perfekt kontinuierlich, sondern eher stoßweise gepumpt. Kolbenpumpen wie
Axialkolbenpumpen oder Schrägachsenpumpen verursachen typischerweise höhere
Schwingungen als beispielsweise Flügelzellenpumpen, die etwas kontinuierlicher
arbeiten“, erläutert Fischer.
Die Kolbenpumpen bei Parker haben ein Vorkompressionsvolumen.
Dieses zusätzliche Volumen dämpft den Volumenstrom. „Diese Technologie haben
wir kürzlich in der neuen Generation von Schrägachsenpumpen F1e und F12e implementiert“,
sagt Fischer. Wie wirkungsvoll die Vorkompressionskammer bei Kolbenpumpen ist,
zeigen Prüfstandsmessungen. Sie weisen die Reduzierungen der Geräuschemission
um bis zu 8 dB(A) je nach Betriebspunkt
nach. Zusätzlich kann das Timing optimiert und kleine
Nuten in der Ventilplatte eingefügt werden. Die
Ventilplatte kann hinsichtlich Geräuschverhalten optimiert werden, indem
bestimmte Winkel modifiziert und konstruktive Merkmale wie die Nuten angepasst
werden.
Die F1e (links) ist eine typische Nutzfahrzeug-Pumpe, während die F12e (rechts) in sehr unterschiedlichen Anwendungen genutzt wird. Die F12e hält extrem hohe Drücke aus und ist daher für Heavy-Duty-Einsätze geeignet.Parker Hannifin)
Schwingungsanfällig: Verstellpumpen
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In vielen Anwendungen spielt das Thema Energie eine große
Rolle. „Je komplexer ein System wird – und da kommen Verstellpumpen zum
Einsatz, von denen man sich höhere Energieeffizienz erhofft – desto höher ist
die Schwingungsanfälligkeit“, berichtet Westhoff. Denn jede Regelgröße im
System erhöht die Gefahr der Schwingungsneigung, daher sind Verstellpumpen
schwingungsanfälliger als andere Pumpen. Die Entwickler von InLine Hydraulik,
einer ehemaligen Tochter von Hawe Hydraulik, setzen sich intensiv mit der Thematik
auseinander: Das Credo von Entwicklungsleiter Jörg Siering lautet dabei: „So
wenig Reibung wie möglich.“ Durch Materialauswahl plus spezieller Geometrie
können die Verstellpumpen InLines schwingungsarm betrieben werden. „Wir nutzen
zum Beispiel spezielles Lagerschalenmaterial gegenüber gehärtetem Stahl“, präzisiert
der Entwicklungsleiter. Weitere
Möglichkeiten wären Stellzylinder ohne Elastomer-Dichtung oder hydrostatische
Lager. „Die bauen wir ein, um den Slipstick-Effekt zu vermeiden“, sagt Siering.
„Spezielle Stellkolben wirken ebenfalls stabilisierend bei Fördervolumen oder
Schwenkwinkel nahe null“, ergänzt Siering.
Verstellpumpe V60 N von InLine Hydraulik für Lkw-Nebenantriebe. Sollten Schwingungen im Betrieb auftreten, kann durch Nachjustieren das Verhalten des Systems verbessert werden.InLine Hydraulik)
Auch die Auswahl gut aufeinander abgestimmter Komponenten
innerhalb des Gesamtsystems kann das Risiko weiter minimieren: Dafür arbeiten
Hawe Hydraulik und InLine Hydraulik eng zusammen. Sie stimmen ihre Komponenten
so aufeinander ab, dass störende Schwingungen möglichst ausgeschlossen werden.
„Wir haben eine neue V60N-Serie 04 - Lkw-Pumpe, die zum Beispiel mit einem
bestimmten Ventilblock von Hawe sehr gut kombiniert werden kann“, berichtet
Siering.
In Load-Sensing-Systemen kann die Signalleitung zu
unerwünschten Schwingungen führen. „Bei traditionellen Load-Sensing-Systemen,
die mit einer Signalleitung arbeiten – die auch eine Hydraulikleitung ist – ist
das schwierig auszuschließen“, berichtet Westhoff. Bei der Planung eines
Load-Sensing-Systems, spielen Querschnitt und Länge von Haupt- und
Signalleitung eine große Rolle. „Die beiden Leitungen können falsch ausgelegt
stark zur Schwingungsneigung beitragen“, erklärt Siering.
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Verstellpumpe mit Load-Sensing-Regler und Drehmomentbegrenzung. Neben den Einstellelementen für Druckabschneidung, Delta p und Drehmoment sieht man unten rechts eine sogenannte Dynamikdrossel.WMH)
Tank mit schwingungsdämpfendem Schaum
Doch auch der Tank spielt eine entscheidende Rolle bei der
Dämpfung von Schwingungen. Design, Position und Größe der Ein- und Auslässe
beeinflussen die Strömungsgeschwindigkeiten und das Schwingungsverhalten.
Dr.-Ing. Maximilian Kuhr, Gruppenleiter Tribologie und Kavitation berichtet von
einem Forschungsvorhaben des Instituts für Fluidsystemtechnik der TU Darmstadt:
„Die Idee unseres Forschungsvorhabens ist es, die thermodynamischen Prozesse im
Hydraulik-Akkumulator zur Gewinnung von Energie zu nutzen. Das geschieht über
einen Puffer im Speicher, der Schaum beinhaltet. Durch den Druck verhärtet sich
der Schaum. Es findet auf molekularer Ebene ein Stoffaustausch statt, bei dem
Energie entsteht. Ein Nebenschauplatz unseres Projektes ist das dynamische
Verhalten des Hydraulikmediums. Ich vermute, dass das Schwingungsverhalten
durch den Puffer, der den Druck auffängt, positiv beeinflusst werden kann. Noch
stehen wir am Anfang unseres Forschungsvorhabens, doch die Schwingungsdämpfung
wird sicherlich eine Rolle spielen.“
Klassisch ist die Dämpfung durch Einkapselung der
Hydraulikpumpe, des Steuerventils oder der Leitung. „Das geht aber einher mit
einem Geschwindigkeitsverlust. Hier gilt es immer abzuwägen“, Westhoff. Man
möchte häufig eine gute Regelbarkeit und Dynamik im System haben, aber damit
steigt auch die Schwingungsanfälligkeit. „Ich kann ein System so dämpfen, dass
es völlig linear fährt, aber dann habe ich überdämpft“, so Westhoff. So ganz
können Schwingungen laut Westhoff niemals ausgeschlossen werden. „Man kann natürlich
viel berechnen, aber Schwingung ist ein absolutes Praxisthema, auf das man
häufig trifft, wenn die Inbetriebnahme nicht sorgfältig genug durchgeführt
wurde“, so der Firmeninhaber von WMH. Werden dort nicht alle Betriebsparameter
sorgfältig abgefangen, kann es zu Störungen im Betrieb kommen. „Ich teste hier
in der Halle bei 20 Grad, aber plötzlich ist die Maschine im Einsatz bei 35
Grad – die veränderte Ölviskosität kann Schwingungen hervorzurufen.“
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Die Branche trifft sich am 10. und 11. November 2026 in
Berlin.
Patrick
Fischer ist ähnlicher Meinung: „Die Kunst besteht darin, Theorie und Praxis
miteinander zu verbinden.“ Hat man ein regelbares System, kann eventuell
nachjustiert werden. „Durch diese Feineinstellungen können Schwingungen
gedämpft werden und das System stabilisiert werden“, sagt Siering. Dafür gibt
es mechanische oder elektronische Lösungen. Bei den InLine-Verstellpumpen kann
am Regler mit zwei unabhängig voneinander verstellbaren Einstellschrauben die
Größe der Bypass- beziehungsweise Aufregel-Düse über eine Stellschraube
verändert werden, statt diese aufwendig auszutauschen, wie das üblicherweise
nötig ist. Im elektrohydraulischen Regler läuft das über die Optimierung der
Parameter in der Software. Kommt man damit nicht weiter, beginnt die
Detektivarbeit vor Ort: Die Techniker von Parker setzen Geräuschkameras ein, um
der Geräuschquelle auf die Spur zu kommen. „Mit Farben – ähnlich einer
Thermalkamera – wird angezeigt, wo am meisten Geräusch entsteht und wie viel
Dezibel es sind“, erläutert Fischer. Dabei zeigt sich laut Fischer fast immer,
dass die Pumpe nicht das lauteste Element ist, sondern die Geräusche
beispielsweise durch Schläuche entstehen, die schwingen und gegen
Fahrzeugbleche schlagen.