Druckluftleitungsnetz und Kompressor, Bild: Atlas Copco

Bei der Installation eines Druckluftleitungsnetzes (die blauen Rohre im Bild) sollte auf möglichst große Querschnitte und effiziente Armaturen geachtet werden. Alle Konstruktionen, die den Strömungswiderstand erhöhen, sollten vermieden oder ersetzt werden. Sonst muss der Kompressor mehr arbeiten als nötig - und es wird Energie verschwendet. (Bild: Atlas Copco)

Herr Decker, Sie und Ihr Team führen regelmäßige Leckageortungen und Druckluft-Qualitäts-Audits durch. Wo liegt der Hase im Pfeffer in deutschen Betrieben?

Karsten Decker: Wir stellen fest, dass die festverlegten Rohrnetze selbst meist ganz in Ordnung sind. Aber an den Abgängen und Verzweigungen geht oft viel Luft – oder Druck – verloren.

Woran liegt das?

Ganz allgemein führen Armaturen und Fittings, Y- und T-Stücke zum Beispiel, zu Reibung und Verwirbelungen und damit zu Druckverlust; denn die Luft strömt an diesen Stellen nicht mehr ungehindert durch, sondern muss gegen einen Widerstand anarbeiten. Dadurch ist der Druck nach so einem Formteil immer geringer als vorher. Das gilt erst recht für ineffiziente Kupplungen, welche die Druckluft an defekte Schläuche weitergeben. Oder es sind Leitungskomponenten nicht ordentlich verschraubt, Fittings, Druckregler oder Wartungseinheiten sind defekt, Ventile oder Zylinder an den Maschinen undicht, ebenso Klappen oder Stellglieder. Da addieren sich oft unendlich viele kleine Verluste zu einem Problem, das in der Summe richtig Geld kostet.

Karsten Decker, Bild: Atlas Copco
Karsten Decker ist Europäischer Energieberater (IHK). Bild: Atlas Copco

Von welchen Summen sprechen wir?

Eine pauschale Aussage kann man nicht treffen. Dazu sind die Situationen zu unterschiedlich. Aber Leckageverluste von 15 und mehr Prozent sind in älteren, Stück um Stück gewachsenen Leitungsnetzen keine Seltenheit. Nehmen wir nur einmal an, alle Leckagen im Leitungssystem addieren sich zu einem Loch von fünf Millimetern Durchmesser und der Netzdruck liegt bei 6,0 bar. Dann gehen in jeder Sekunde etwa 31 Liter Druckluft verloren. Um das auszugleichen, muss der Kompressor mehr arbeiten. Im Schnitt werden 8,3 Kilowatt zusätzliche Kompressorenergie benötigt. Setzen wir dann einen Strompreis von 0,16 Euro pro Kilowattstunde an – wobei die Preise in der Industrie natürlich sehr differieren –, dann kostet allein dieses Fünf-Millimeter-Loch jährlich über 11.600 Euro Strom, wenn der Kompressor rund um die Uhr läuft. Es lohnt sich also, Leitungen und Anschlüsse regelmäßig zu prüfen.

Wie geht ein Anwender dabei sinnvollerweise vor?

Als erstes sollte man es sich zu Eigen machen, regelmäßig die Leitung abzulaufen. Die großen Löcher fallen einem dann sofort ins Ohr. Zudem ist anzuraten, turnusmäßig – etwa einmal im Jahr – die Installation mit einem Ultraschallgerät zu begehen. Dabei werden auch die kleinsten Leckagen aufgespürt.

Ist diese Begehung idiotensicher; oder was empfehlen Sie?

Natürlich kann man sich ein Ultraschallgerät kaufen; dann sollte man aber ein sehr gutes nehmen, das dem Anwender im Klartext anzeigt, wie groß die einzelne Leckage ist. Aus unserer Sicht ist es aber sinnvoller, die Begehung von Experten machen zu lassen. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Wir gehen mit einem ortskundigen Mitarbeiter des Anwenders durch das Werk, kennzeichnen alle Leckagen mit beschrifteten Etiketten, fotografieren die Stellen ab und erstellen einen Abschlussbericht mit allen Leckagestellen, der auch einen eindeutigen Rückschluss darauf gibt, wie viel die Verluste den Kunden kosten. Über unsere Händlerpartner bieten wir auch an, die Leckagen fachmännisch und zu einem Festpreis zu beseitigen.

… und der zweite Grund für eine professionelle Begehung?

Zweitens sind unsere Techniker natürlich auf alle möglichen Probleme sensibilisiert. Sie schauen bei der Begehung die Druckluftinstallation insgesamt an. Selbst wenn es eigentlich keine größeren Leckagen zu beklagen gibt, fallen ihnen zum Beispiel zu geringe Leitungsquerschnitte, zu viele Verzweigungen oder andere Ineffizienzen auf. Zehn Leitungsbögen hintereinander etwa. Ein langjähriger Mitarbeiter des Kunden würde über so etwas möglicherweise hinwegsehen. Dabei könnte man die zehn überflüssigen Bögen vielleicht in drei Stunden begradigen lassen – und käme dann auf Dauer mit 0,5 bar weniger Druck aus.