Symbolbild Hydraulik, Bild: Matthias Krüttgen/Fotolia

Die Durchsetzung drehzahlvariabler Antriebe in der Hydraulik lässt auf sich warten. Bild: Matthias Krüttgen/Fotolia

Welche Erfahrungen haben Sie mit drehzahlvariablen Antrieben gemacht?

Die Antriebe haben drei große Vorteile, einer ist Energieeffizienz. Je nach Maschine und Zyklus sind locker 30 Prozent Energieeinsparung drin gegenüber geregelten hydraulischen Achsen, das ist schon mal ein ordentlicher Sprung. Der zweite Vorteil ist, dass Sie Geräusch nur dann erzeugen, wenn die Maschine in Aktion ist. Und der Dritte ist die Schnittstellenproblematik: Bei einer Hydraulikanlage brauchen Sie immer einen Spezialisten, der einstellt, optimiert, justiert. Bei drehzahlgeregelten Antrieben greifen Sie auf die Schnittstelle der Elektromechanik zurück. Die ist etabliert und es gibt eigentlich in jeder Maschinenbaufirma Spezialisten, die damit umgehen können. Dass man identische Schnittstellen zur Elektromechanik hat, macht die Technik natürlich attraktiv, gerade heute in modernen Maschinen wegen der Automatisierungsprozesse und ähnlichen Themen.

Macht sich das im täglichen Geschäft, beispielsweise beim Vertrieb, bemerkbar?

Bei uns gibt es leider noch viel zu wenige Anwendungen, als dass man schon sagen könnte, wie gut das ankommt. Bekannt ist die Technik ja schon seit ungefähr 20 Jahren. Ich hätte mir eigentlich gedacht oder gewünscht, dass sich das schneller durchsetzt.

Was behindert die Durchsetzung?

Schwer zu sagen. Gut, es sind nicht alle hydraulischen Schaltungen realisierbar wie mit der klassischen Hydraulik. Es sind sicher die zyklischen Anwendungen, wo drehzahlvariable Antriebe Sinn ergeben. Vor allem dort, wo ich gegen die Schwerkraft arbeite, also Hebebühnen oder Aufzüge. Alle Maschinen und Anlagen, die mit höheren Gewichten vertikal arbeiten, sind eher geeignet, als Anwendungen, bei denen vor-, zurückgefahren wird.

Gilt das auch für Großzylinder?

Nur teilweise. Wo drehzahlvariable Antriebe wirklich Spaß machen, sind die richtig schnellen Achsen. Diese benötigen elektrische AC-Synchron-Servomotoren. Sie dürften im Moment so bis zu einer Leistung von, sagen wir mal, 30 Kilowatt, 35 Kilowatt zu vernünftigen Preisen verfügbar sein. Wenn ich auf höhere Leistung gehe, und wir bewegen uns bei Hunger eher im Leistungsbereich an dieser Obergrenze oder auch weit drüber, werden solche Antriebe sehr teuer oder sind so nicht verfügbar. Dort habe ich dann geregelte Asynchronmaschinen, die ich natürlich auch hoch- und runterfahren kann. Allerdings können solche Maschinen bestimmte Manöver, zum Beispiel stoppen, aber Last halten, nicht ausführen.

Außerdem gibt es technische Einschränkungen und Regelwerke, die zu beachten sind, gerade bei den Sicherheitsanforderungen. Mit einer klassischen Hydraulik habe ich geprüfte Sicherheitsventile und Ähnliches. Darauf kann ich verweisen, wenn ich eine Genehmigung oder Zertifizierung brauche. Eine Klappbrücke zum Beispiel muss sich beispielsweise sicher auf Lasthalteventilen abstützen können, auch bei Sturm.

Ingo Rühlicke, Bild: Hunger Hydraulik
Ingo Rühlicke ist Prokurist und Leiter für Projekt, Konstruktion und Export bei Hunger Hydraulik. Bild: Hunger Hydraulik

Sind die Sorgen der Hydraulikbranche, von der Elektromechanik verdrängt zu werden, noch berechtigt?

Was man schon als Bedrohung für die Hydraulik sehen kann, ist, dass die Elektromechanik in Bereiche hineinwächst, die früher klassische Anwendungsfälle für Hydraulik waren. Heute findet sich dort teilweise nicht mal mehr ein Elektromotor mit drehzahlvariabler Pumpe, sondern reine Elektromechanik mit Kugelrollspindel und ähnlichem. Das ist gerade bei den kleineren und mittleren Antriebsleistungen ein Wettbewerb der Antriebssysteme gegeneinander.

Aber ich denke, dass das Selbstbewusstsein Hydraulik da ein bisschen wiedergekehrt ist. Vor 15 Jahren drehte sich bei VDMA-Sitzungen noch jedes zweite Thema um die Bedrohung durch Elektromechanik. Der Fokus hat sich mittlerweile etwas verschoben auf andere Anwendungen. Wobei wir bei Hunger uns speziell mit Dingen wie Großzylinder oder Großhydraulikanlagen beschäftigen. Da ist es dann doch noch so, dass die Leistungsdichte, die die Hydraulik bringt, mit der Elektromechanik überhaupt noch nicht abgebildet werden kann und es einige Argumente gibt, die für die reine Hydraulik sprechen.

Macht sich bei Ihnen im Unternehmen der Industrie-4.0-Trend bemerkbar?

Also bei uns, bei den kundenspezifischen Lösungen, eher weniger. Die Einzellösungen sind oft nicht so eingebunden in Netzwerke oder ähnliches; das sind oft Standalone-Lösungen und da haben wir im Moment noch nicht so die Berührungspunkte zur Vernetzung.

Was würden Sie sagen, sind aktuell wichtige technische Entwicklungen in der Hydraulik?

Tja, so richtig neue hydraulische Komponenten gibt es ja eigentlich gar nicht. Man hat viel mit Elektronik und Software on Top gesetzt. Das war auch viele, viele Jahre lang fast ausschließliches Thema auf den Fluid-Ta­gungen. Da ging es mehr um Optimierung der Controller und der Elektronik als um die Hydraulik selber. In letzter Zeit ist die Branche zum Glück wieder etwas zur eigentlichen Hydraulik zurückgekehrt.

2016 kamen erste Hydrauliköle mit der Rexroth-Freigabe 90245 auf den Markt. Die Tests dafür sind sehr viel strenger als die offiziellen Normen für Hydrauliköle, die eher Mindeststandards definieren. Die Folge ist, dass gute Öle die Norm einfach nur weiter übertreffen als schlechtere. Wäre es angebracht, die Normen zu ändern oder zu erweitern?

Um die klassischen Mineralöle, also die eigentlichen Hydraulik-Öle, mache ich mir weniger Sorgen. Das funktioniert so aus unserer Sicht eigentlich gut und ist immer die sichere Lösung. Wo wir Probleme sehen, sind eher die synthetischen Esther oder sonstige biologisch abbaubare oder auch feuerfeste Fluide.

Da macht ein Vertreter gute Werbung oder es wird intern aus Umwelt- oder Brandschutz-Gründen entschieden, dass ein HFC-, HFA-, HFD-Fluid oder was auch immer anstatt von Hydrauliköl verwendet wird. Auf die Hydraulik wird viel zu wenig Rücksicht genommen. Erst danach fängt der Anwender an, die hydraulischen Komponenten auszuwählen und einzukaufen. Das heißt, als Komponentenlieferant muss man sich an diese Entscheidung anpassen und irgendwie eine Lösung finden. Bei uns mit den Zylindern ist es oft relativ einfach. Wir müssen eben eine Dichtung finden, die chemisch kompatibel ist, sich also nicht auflöst, nicht porös wird oder zerbröselt unter dem Einfluss der Flüssigkeiten. Aber trotzdem können diese Flüssigkeiten viele Probleme verursachen, zum Beispiel sind die Schmiereigenschaften oft katastrophal.