Prof. Werner Haas, Bild: Uni Stuttgart

Professor Werner Haas widmete sich 40 Jahre lang der Dichtungstechnik. Bild: Uni Stuttgart

| von Angela Unger

Herr Professor Haas, Sie gehen zum ersten November in den wohlverdienten Ruhestand. Gehen Sie mit einem weinenden oder einem lachenden Auge?

Sowohl als auch! Mit einem lachenden Auge, weil ich zukünftig Dinge unternehmen kann, zu denen ich in den letzten Jahren kaum gekommen bin. Und mit einem weinenden Auge, weil man etwas, das man in 40 langen Jahren mit aufgebaut und auf weltweit höchstes Niveau geführt hat, nicht einfach abstreift wie ein zerrissenes Hemd – da hängt doch eine Menge Herzblut dran. Mich beruhigt jedoch, dass ich mit Dr. Frank Bauer einen ausgezeichneten Nachfolger habe, der mit neuem Elan und neuen Ideen die Dichtungstechnik am IMA voranbringen wird – da bin ich mir ganz sicher.

Wie war 1977, als Sie als studentische Hilfskraft am Institut angefangen haben, die Situation in der Dichtungstechnik?

Damals wurde noch in erster Linie um ausreichende Dichtheit auf vergleichsweise niedrigem Niveau der Betriebsbedingungen gekämpft. Große dunkle Flecken auf Parkplätzen und Garagenboden waren beispielsweise Gang und Gäbe, wie auch Öltrieler an Hydraulikzylindern und der Haufen Putzwolle an den entsprechenden Stellen der Maschinen. Letzterer wurde immer freitags gegen neue Putzwolle ausgetauscht, um die dort auftretenden Leckagen aufzusaugen. Ein häufiger Dichtelementtausch war die Regel. Aber alle Dichtelementarten waren erfunden und man wusste weitestgehend wie sie physikalisch funktionieren. Weiterentwicklung und bestmögliche Umsetzung der physikalischen Erkenntnisse in die Dichtungen war also angesagt.

"All die neuen Schlagworttechnologien wie Industrie 4.0 werden an einer ausgefeilten Dichtungstechnologie nicht vorbeikommen.“

Prof. Werner Haas, Uni Stuttgart

Was hat Sie damals an der Dichtungstechnik fasziniert? Sie haben ja irgendwann eine Entscheidung getroffen ...

Ich habe keine Entscheidung im Sinne von „dort möchte ich hin“ getroffen, sondern ich habe die Gelegenheiten, die sich mir beruflich geboten haben, beim Schopf gepackt. Ich wollte auch nie Professor werden. Ich wollte ursprünglich mal Handwerker werden und habe mich standhaft geweigert, als meine Eltern mich auf das Gymnasium schicken wollten.

Und wie kam es, dass Sie dann trotzdem Professor für Dichtungstechnik geworden sind?

Ich habe dann erstmal Maschinenschlosser gelernt. Irgendwann kam mein Lehrmeister und hat gesagt: „Du bekommst ein halbes Jahr Lehrzeitverkürzung, aber du musst mindestens die mittlere Reife nachmachen.“ Damit war ich dann auf dem zweiten Bildungsweg unterwegs und habe im Anschluss noch das Technische Gymnasium angehängt. Nach der Bundeswehr habe ich Maschinenbau studiert. Da hatte ich auch die Wahl zwischen Fachhochschule und Universität und irgendwie bin ich dann eben an der Uni gelandet.

"Von der Dichtungstechnik kann man sich nicht fernhalten, da die empfindlichen Teile überall verbaut sind.“

Prof. Werner Haas, Uni Stuttgart

Was waren im Rückblick für Sie die spannendsten Aufgaben?

Eine spannende Aufgabe war die Entwicklung von berührungsfreien Dichtungen für stark flüssigkeitsbespritzte Dichtstellen, wie beispielsweise an der Spindelnase von Werkzeugmaschinenspindeln. Als wir 1981 damit begannen, genügte ein Flüssigkeitsrinnsal, um die damaligen Konstruktionen undicht zu bekommen. Am Ende der Entwicklung konnte man bei 100 mm Abdichtdurchmesser mit dem C-Schlauch der Feuerwehr draufhalten und die Dichtsysteme blieben dicht. Auch Fett, Schmutz und feine Stäube kann man heute dank unserer Forschungsarbeiten berührungsfrei auf kleinem Bauraum sicher abdichten.

Und weitere Highlights?

Richtig spannend wurde es dann, als 2004 die erste 5-MW-Multibrid-Windkraftanlage in Betrieb ging, gegen Ölverlust abgedichtet mit einer von uns entwickelten berührungsfreien Wellendichtung mit 3,5 m Abdichtdurchmesser – ohne jeglichen Versuch vorher. Es hat funktioniert! Ein weiteres Highlight aus unserer Forschungshexenküche waren strukturierte Kolben- oder Rechteckringe für getriebeinterne Drehdurchführungen, deren Leistungsgrenzen hinsichtlich Druck und Gleitgeschwindigkeit den Stand der Technik um den Faktor acht übertrafen – bei nur noch einem Zwanzigstel Verlustleistung und bei null Verschleiß. Ein Novum ist auch unser erst in jüngerer Zeit fertiggewordenes Analysepaket zur Messung und Bewertung von Drall auf der Gegenlauffläche von Radial-Wellendichtringen. Ein seit Jahrzehnten bestehendes, drängendes Problem. Ich könnte noch viele andere Dinge hier anführen; fast 40 Jahre sind eben eine lange Zeit – und wir haben fleißig gearbeitet.