E-Fähren, Bild: Wärtsilä

Elektroantriebe sind bei Fähren nichts Außergewöhnliches mehr. Diese beiden E-Fähren entwickelt Wärtsilä für den norwegischen Betreiber Boreal Sjö. Bild: Wärtsilä

| von Dagmar Merger

Für die deutsche Schifffahrt ist die Corona-Pandemie ein ernstes Problem. Zunächst waren nur Kreuz- und Fährschifffahrt stark betroffen, wie eine Umfrage des Verbands Deutscher Reeder (VDR) im Mai 2020 ergab. Aber dann erfasste die Krise fast alle Bereiche der Branche. An der Umfrage hatten 50 deutsche Unternehmen teilgenommen, darunter fast alle der 30 größten Reedereien. Die Charterraten für Schiffe sanken teilweise um bis zu 40 Prozent. Seitdem hat sich die Situation laut Verband für einzelne Unternehmen verbessert, aber viele kämpfen weiter mit den Folgen der Pandemie. Die Entwicklung der deutschen und globalen Schifffahrt hänge eng mit der Weltwirtschaft zusammen. Vorhersagen seien daher enorm schwierig, so der Sprecher des VDR, Christian Denso.

„In nur wenigen Monaten hat die Pandemie die Digitalisierung um ein halbes Jahrzehnt vorangetrieben.“

Knut Ørbeck-Nilssen, CEO von DNV GL Maritime

Werften rechnen mit langem Nachfrage-Tief

Bei den Werften verschärft die Krise die ohnehin vorhandene, globale Unterauslastung. Laut VDMA wurden im ersten Quartal 2020 weltweit 186 Seeschiffe mit 7,0 Millionen BRZ (Bruttoraumzahl) bestellt. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres wurden 302 Schiffe bestellt, also 116 Schiffe mehr. Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik VSM erklärte am 22. Juni, er sehe auf die Schiffbauindustrie „sehr schwere Jahre mit wenigen Neubauaufträgen in einem von Subventionen im asiatischen Raum bestimmten Markt“ zukommen.

Neben der Pandemie vermiesen globale Systemkonflikte, insbesondere zwischen China und den USA, sowie politische Tendenzen, die den globalen Güteraustausch behindern, der Branche das Geschäft. Die Weltschiffbaukonjunktur schwächelt schon seit 2016: Die Neuaufträge lagen in den vergangenen vier Jahren in der Summe 40 Prozent unter der Produktion. Stornierungen könnten die Situation noch verschlimmern, so der VSM. Schon heute seien verschärfte Dumpingpraktiken und aufflammende Subventionswettläufe festzustellen.

Der europäische Schiffbau konzentriert sich vor allem auf High-Tech-Segmente und ist von diesen Problemen bislang wenig betroffen. Rein rechnerisch reichen die Aufträge laut dem Verband für die nächsten vier Jahre. Aber ein wichtiges Segment in Europa sind Kreuzfahrtschiffe. Und dieser Schiffstyp ist von der Corona-Krise besonders stark betroffen. Der VSM erwartet, dass es hier einige Jahre lang gar keine Bestellungen geben wird. Dazu kommt, dass die Corona-Krise die Fertigstellung neuer Schiffe verzögert hat. Bernard Meyer, Inhaber der Meyer Werft, kommentierte in einem Video am 26. Juni 2020: „Das bedeutet für unser Unternehmen, dass die finanzielle Situation noch prekärer wird.“

Zulieferer trotz allem zuversichtlich

Branchenmesse SMM, Bild: HMC/Michael Zapf
Die Branchenmesse der maritimen Wirtschaft SMM ist verschoben auf 2. bis 5. Februar 2021. Bild: HMC/Michael Zapf

Die maritimen Zulieferer in Deutschland erwarten trotz kurzfristiger Unabwägbarkeiten gute Geschäftsentwicklungen in der weiteren Zukunft, meldet der VDMA. Die Produktion in der Branche lief fast ohne Unterbrechungen weiter, trotz zeitweiliger Engpässe bei den Lieferanten. Die Bestellungen legten in 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 3,4 Prozent zu. Nach Abarbeitung dieses Auftragspolsters sind die weiteren Aussichten für 2020 nur schwer abschätzbar, so der Verband. Rund 40 Prozent der Unternehmen erwarten einen rückläufigen Auftragseingang im Inland, für das Auslandsgeschäft erwarten dies im Juni 25 Prozent der Unternehmen.

Green Shipping mit Brennstoffzelle

Nicht abgesagt, aber verschoben wurde die SMM: Die internationale Leitmesse der maritimen Wirtschaft findet coronabedingt voraussichtlich nun von 2. bis 5. Februar 2021 statt. Bei einer Voraus-Pressekonferenz am 14. Mai 2020 bewerteten Branchen-Experten die aktuelle Situation und die Folgen für die Trendthemen Green Shipping und Digitalisierung.

Der Klimawandel bleibe für die Reeder ein bestimmendes Thema, so Şadan Kaptanoğlu, Präsidentin des Internationalen Reederverbandes BIMCO: „Es ist zwar nicht überraschend, dass die Umweltprobleme derzeit nicht die Schlagzeilen bestimmen, doch die Industrie ist nach wie vor fest entschlossen, ihr vorrangiges Ziel der Halbierung ihrer Treibhausgasemissionen bis 2050 zu erreichen.“

Erforschung maritimer Energiesysteme

Am 23. Juni 2020 gab der Senat des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) grünes Licht für zwei neue Institute. Eines davon ist das Institut für Maritime Energiesysteme. Es erforscht Lösungen für eine emissionsarme Schifffahrt. Schwerpunkte sind Strom, Wärme und Kälte an Bord, alternative Treibstoffe, Technologien wie Brennstoffzellen-Systeme, Synergien im Hafenbetrieb sowie die Energieversorgung an Land.

Schifffahrtexperte Martin Stopford, Präsident von Clarkson Research, rechnet in der Kraftstoff-Frage mit drei Innovationswellen: Zunächst werde es Schiffe mit verbessertem konventionellem Antrieb geben. Dann folgen Gas- und Hybrid- oder Elektroschiffe mit niedrigen Emissionen, digitalen Systemen und Batterien. Die letzte Welle bringe schließlich Zero-Emission-Schiffe, die mit Brennstoffzellen fahren.

Das sieht man beim VDMA ähnlich: Der Verband erwartet eine zügige Modernisierung der Flotten. Er sieht im Grünen Wasserstoff und anderen Power2X-Energieträgern die Lösung für das Problem des Klimawandels. Das gilt insbesondere für den interkontinentalen Warenverkehr. Der Verband sieht Chancen in außenwirtschaftlichen Partnerschaften mit Ländern, die dank ihrer geographischen Lage Wasserstoff effizient produzieren können. Dort sollen Produktionsanlagen „Made in Germany“ entstehen, zum beiderseitigen Gewinn.

Pandemie beschleunigt Digitalisierung

Bei der Digitalisierung sorgt die Corona-Krise für zusätzlichen Schub: Die Klassifikationsgesellschaft DNV GL berichtete auf der Pressekonferenz, wie sie die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften über ein Ferndiagnose-Tool überwacht. Das Tool war bereits 2018 eingeführt worden, dennoch ist Knut Ørbeck-Nilssen, CEO von DNV GL Maritime, überzeugt: „In nur wenigen Monaten hat die Pandemie die Digitalisierung um ein halbes Jahrzehnt vorangetrieben.“

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