Gates LifeGuard

Wenn die Leitung bricht, schützt der Lifeguard-Schlauch nach Herstellerangaben bei Drücken bis zu 10.000 psi, was knapp 690 bar entspricht. Beim Pinhole darf der Druck etwa halb so groß sein.

Welche Strategie verfolgt Gates in Hinblick auf die Entwicklung des Produkt-Portfolios?

Nico van Loey

Nico van Loey, Product Manager Hydraulic Hose, Couplings & Equipment Industrial Europe. Bild: Gates

Van Loey: Wir haben zwei Kernbereiche: Die Fluidtechnik und die Antriebstechnik. In den letzten zehn Jahren hat Gates dieses Portfolio erweitert. Außerdem bieten wir heute nicht nur klassische Hydraulik-Produkte an, sondern auch Industrie- und Motorenschläuche.

Könn: Die Grundidee ist dabei, vom klassischen Komponentenlieferanten im Bereich der Schlauchtechnik zu einem Systemlieferanten in der Verbindungstechnik zu wachsen.

Welche Bedeutung haben Schläuche bei Mobil- und Stationär-hydraulikanwendungen momentan für Gates?

Van Loey: In der Industrieabteilung macht dieser Bereich etwa 50 Prozent unseres Umsatzes aus, wobei der Schwerpunkt hauptsächlich auf der Mobilhydraulik liegt.

Sie haben gerade erklärt, dass Gates Systemlieferant werden will. Gibt es im Produktprogramm noch weiße Flecken?

Van Loey: Der Bereich hydraulischer Anwendungen ist sehr groß. Deshalb gehen wir Schritt für Schritt vor, um unser Sortiment zu erweitern.

Stefan Könn

Stefan Könn, Application Engineer. Bild: Gates

Könn: Es gibt heute auf dem Markt nur wenige Firmen, die das komplette System an Komponenten der Hydraulik – von Pumpen und Motoren, über Ventile und Steuerungstechnik, bis hin zur Verbindungs- und Leitungstechnik – vollständig anbieten. Wenn man nur die Leitungs- und Verbindungstechnik betrachtet, also Schlauchleitungen, Rohrleitungen, Verschraubungen und Adapter, deckt unser heutiges Sortiment schon einen sehr großen Bereich ab.

Wohin entwickelt sich der Markt?

Van Loey: Die Märkte unterscheiden sich, aber überall fragen die Erstausrüster nach leichteren, kompakteren und effizienteren Maschinen. Diese Forderungen zeigen uns, in welche Richtung wir in der Entwicklung gehen müssen.

Könn: Die technischen Anforderungen wie Arbeitsdrücke und engere Bauräume werden immer höher.

Sie hatten gerade die höheren Drücke erwähnt. Wie sieht es bei 500-bar-Schläuchen aus: Können Sie liefern?

Van Loey: Grundsätzlich ist unser höchster Arbeitsdruck auf europäischer Ebene 420 bar im Bereich der Leitungs- und Verbindungstechnik.

Anderes Thema: Was sind die häufigsten Ursachen dafür, dass Schläuche ausfallen?

Van Loey: Es gibt viele Möglichkeiten. Oft scheitert es schon an der Produktauswahl. Da erleben wir, dass einige Kunden Standardschlauchleitungen in Bereichen einsetzen, deren Anforderungen weit vom „Standard“ entfernt sind. Erhöhter Abrieb ist dabei ein häufig auftretendes Thema. Eingesetzt werden trotzdem Schläuche mit Standarddecken, weil diese in der Regel günstiger sind. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen frühzeitigen Ausfall enorm.

Könn: Die Kunden konzentrieren sich bei der Produktauswahl oft so auf den Preis, dass sie Anforderungen wie Druck, Abrieb und Temperatur vernachlässigen. Zu den Hauptursachen gehören außerdem Verlegungs- oder Montagefehler. Es kommt bei der Schlauchleitungskonfektionierung, dem Verbinden von Schlauch und Armatur, öfters vor, dass Komponenten vertauscht oder vermischt werden. Des weiteren wird heutzutage von Herstellerseite der Druck immer größer, bei der Verlegung schneller und effizienter zu arbeiten. Das führt bei Schläuchen ab und an dazu, dass sie zu eng verlegt, sprich unter ihrem angegebenen Biegeradius, oder dass sie geknickt werden. Solche Faktoren führen dazu, dass einige Schläuche weit unter ihrer eigentlichen Lebensdauer ausfallen.

Worauf muss der Konstrukteur bei der Auswahl eines Hydraulikschlauches besonders achten?

Könn: Wir bieten dafür als Service das „Safe Hydraulics“-Programm an. Es enthält ein Training und Informationen zum Thema: „Wie sind Schlauchleitungen sicher einzusetzen und auszuwählen, sodass sie später die bestmögliche Lebensdauer erreichen?“ In diesem Zusammenhang gibt es bei uns die sogenannte „Stamped“-Regel als Merkhilfe. Das ist ein Akronym, mit dem sich ein Konstrukteur die wichtigsten Faktoren ins Gedächtnis rufen kann, wenn er den Schlauch auswählt.

Gibt es denn einen Fehler, den Konstrukteure und Entwickler bei der Schlauchauswahl immer wieder machen?

Könn: Wir sehen häufig, weil es sich leider nicht immer vermeiden lässt, dass zwei gebogene Armaturen auf einer Schlauchleitung angewendet werden. Dabei besteht die Gefahr, dass die beiden Armaturen nicht richtig gegeneinander ausgelegt werden, sodass die Schlauchleitung bei der Montage oder in der Bewegung in sich verdreht wird. Dieses Verdrehen hat desaströse Auswirkungen auf die Lebensdauer des Schlauches. Sie kann sich schon bei wenigen Grad Verdrehung über dem zulässigen Maximum um bis zu 90 Prozent verringern.

In welche Richtung geht Gates momentan in der Forschung und Entwicklung?

Van Loey: Wir haben ein neues Programm namens „Polarflex“. Dabei handelt es sich um Schläuche speziell für Regionen wie Sibirien, Kanada und Skandinavien. Die Schläuche können bis -55 °C angewendet werden. Zuvor waren die Temperaturen bei -40 °C limitiert.

Könn: Viele unserer Hersteller, insbesondere aus dem Bereich Land- und Bauwirtschaft, sind in diesen Märkten tätig. Dort gibt es häufig Probleme an den Schlauchleitungen und an den Gummimaterialien, weil sie nicht niedertemperaturbeständig sind. In diesen Regionen herrschen teilweise dauerhaft -50 °C. Deswegen haben unsere Entwicklungsingenieure diese Niedertemperaturschläuche auf Basis unseres Premium-Programms Megasys entwickelt.

Welche anderen Trends beobachten Sie?

Van Loey: Die Arbeitssicherheit ist ein wichtiger Punkt, auch in der Hydraulik. Dafür haben wir einen Schlauchschutz entwickelt, den Lifeguard. Im Falle eines Schlauchbruchs schützt er Personen in der Umgebung vor Verletzungen. Es handelt sich dabei um einen speziellen, mehrlagigen Schutzschlauch, der über die Schlauchleitung gezogen wird und den Druck der austretenden Flüssigkeit absorbiert.

Könn: Es gibt viele Systeme für den Schutz des Schlauches an sich. Aber unser Lifeguard-System ist eines der wenigen Systeme auf dem Markt, das einen Anwenderschutz bei einem Pinhole oder Schlauchbruch bietet.

Die Fragen stellte Dagmar Oberndorfer

Die „Stamped“-Regel

PolarFlex

Leitungen für eisige Winternächte: Die Polarlfex-Serie hält Temperaturen von -55 °C aus. Die Schläuche sollen in Skandinavien, Kanada und Sibirien eingesetzt werden. Für die Vorgängermodelle war bei -40 °C die Grenze erreicht.

Size:

Nennweite des Schlauches und seine Länge.

Temperatur:

Anwendungs- und Systemtemperatur, eventuelle externe Temperatureinflüsse.

Application:

Art der Anwendung, Einsatzgebiet, nötige Zulassungen wie Baumusterprüfung von DNV, Sonneneinstrahlung, Abrieb, Funktion der einzelnen Leitung und ähnliches.

Material:

Art des Fluids, insbesondere wenn es um biologisch abbaubare Hydrauliköle geht.

Pressure:

Arbeitsdruck und Druckspitzen, vor allem für die Auswahl des Schlauchmaterials.

End:

Systemverbindungen und Armaturen, je nach Anwendungsbedingungen und Arbeitsdruck.

Delivery:

Vor allem Durchflussmenge und Dimensionierung.