Strömungsglocke

Die Strömungsglocke beherbergt den Waffentaucher. Bild: Sebastian Engels

Eggers Kampfmittelbergung ist innerhalb der letzten fünf Jahre bereits zum vierten Mal auf der Insel aktiv, um diese aufzuspüren und sie unschädlich zu machen. Diesmal muss der Meeresgrund im Hafenbereich im Auftrag der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes nach Kampfmitteln Meter für Meter sondiert werden. Denn die Mole, die während des Zweiten Weltkriegs entstanden ist, muss im Zuge ihrer Sanierung davon befreit werden. Dabei wird ein von dem Hamburger Unternehmen selbst entwickeltes Verfahren eingesetzt, bei dem der Meeresboden abgesaugt und dann die Sedimente in drei Fraktionen separiert werden – Störkörper und mögliche Kampfmittel werden herausgefiltert. Eine Pumpe fördert die Sedimente unter Wasser über einen Saugkorb mit angeschlossener Separiereinheit.

Bevor diese ihre Arbeit aufnehmen kann, wird über eine Strömungsglocke mit einem Durchmesser von 2,50 Meter und einer Höhe von vier Meter, angebracht an einem Cat Longfrontbagger 329EL, ein Waffentaucher nach unten befördert. Das Anbaugerät ist eine Sonderkonstruktion des Unternehmens, die ursprünglich für das Tauchen in Binnengewässern entwickelt wurde und für den Hochseeeinsatz um eine autonome Not-Luftversorgung für den Taucher erweitert wurde. Sie beherbergt während eines Tauchvorgangs den Taucher. Er soll sich darin Abschnitt für Abschnitt vorarbeiten, den Meeresgrund abtasten und Kampfmittel rechtzeitig ausfindig machen. Bis zu acht Taucher hat das Unternehmen abwechselnd im Einsatz – im Schnitt bleiben sie bis zu zwei Stunden unter Wasser. Gesteuert wird der Taucher über eine Kommandozentrale, die an Land in einem Container untergebracht ist und von dort alle Arbeitsvorgänge lenkt. Ein Dive Control versorgt den Taucher mit ausreichend Atemluft. Die Zufuhr erfolgt autonom über einen eigenen Schlauch. Eine zusätzliche Reserveversorgung wird über Leichttauchgeräte sichergestellt, wie sie im Offshore-Tauchen Standard sind. Somit erhält der Taucher auch noch ausreichend Atemluft, sollte mal die Schlauchverbindung reißen oder er sie selbst aufgrund eines Notfalls trennen müssen und die in der Stromschutzglocke vorhandene Notversorgung nicht erreichbar sein.

Die Baumaschine mit rund 30 Tonnen Einsatzgewicht wird von der Mole aus bewegt – die Mole ist aufgrund ihrer statischen Belastungsgrenze nur eingeschränkt befahrbar. Der Baggerfahrer steuert über ein Display in der Kabine die Strömungsglocke. Mithilfe von 3D-Steuerung wird Abschnitt für Abschnitt angezeigt, der abzuarbeiten ist. Gibt der Taucher in der Strömungsglocke einen Abschnitt auf großkalibrige Kampfmittel frei, muss er aus dem Wasser und dann erst darf die Pumpe mit der Förderung der Sedimente beginnen. Was das Verfahren betrifft, das Eggers Kampfmittelbergung anwendet, wurde dieses im Lauf der Jahre immer weiter verfeinert – bereits am Rhein setzte Eggers Kampfmittelbergung schon eine Cat Baumaschine 320C ein – diese reichte hinsichtlich Wassertiefe und Strömungsgeschwindigkeit aus. Im Fall des Cat 329EL muss der Bagger bis zu neun Meter Wassertiefe erreichen können.

Was die 16 Mitarbeiter vor Ort immer beachten müssen, sind die Strömungsgeschwindigkeiten und der Tidehub der Nordsee, welche unmittelbaren Einfluss auf die Baggerbewegung haben. „Die Strömungsgeschwindigkeit liegt bei bis  zu vier Metern pro Sekunde. Wir haben es mit rauer See zu tun, was den Einsatz erschwert“, so Leif Nebel, Geschäftsführer der Eggers Kampfmittelbergung. Raue See heißt auch, dass jeder der Arbeiter zusätzlich zur persönlichen Schutzausrüstung eine Schwimm-weste trägt. Aufgrund des aufgewühlten Schlicks am Meeresgrund der Nordsee tragen die Taucher alle eine Helmkamera, welche ihr Blickfeld per Video aufzeichnen und dann an den Einsatzleiter übertragen.

Die Kampfmittelüberprüfung erfolgt vom Wasser aus. Zum Einsatz kommt das eigene Arbeitsschiff Breezand, das mit verschiedenen Messsystemen ausgestattet werden kann. Um den Untergrund  abzusuchen, macht sich die Eggers Kampfmittelbergung das auf der Erde vorhandene Magnetfeld zunutze. Stoffliche Veränderungen im Untergrund wie etwa Eisenteile beeinflussen die magnetischen Kennwerte messbar und sind somit aufspürbar. So wurde im Vorfeld das Gelände mit einem hochauflösenden Side-Scan-Sonar erfasst. Es basiert auf dem Messprinzip der Akustik. Dank des Side-Scan-Sonars können Objekte auch unabhängig von den herrschenden Sichtverhältnissen geortet werden. So konnte das Unternehmen die Fläche exakt kartieren und Objekte auf dem Grund in 3D darstellen.

Immer wieder werden die Taucher fündig. „Wir haben bislang so ziemlich alles gefunden, was unter die Kategorie Kampfmittel fällt“, meint Leif Nebel, Geschäftsführer der Eggers Kampfmittelbergung. Frühere Maßnahmen rund um Helgoland brachten bereits 25 Sprengbomben ans Licht – auch damit

muss das Unternehmen bei der aktuellen Baustelle jederzeit rechnen. Deswegen sind die Mitarbeiter immer auf der Hut und Rettungstaucher halten sich bei jedem Tauchgang bereit, um für den Notfall gewappnet zu sein. Wie groß noch immer die Gefahren sind, die von der Munition ausgeht, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg in der Nord- und Ostsee versenkt wurde, hat Meeresbiologie Dr. Stefan Nehring untersucht, als er verschiedene Archive von Bund und Länder auswertete. So sollen alleine in den Gewässern Schleswig-Holsteins inzwischen rund 139 Menschen aufgrund von Zwischenfällen mit Munition ums Leben gekommen sein und 292 Verletzte sind darauf zurückzuführen.

„Kampfmittel werden leider allzu oft unterschätzt“, so Leif Nebel. Deswegen ist größte Vorsicht geboten. Die Waffentaucher von Eggers Kampfmittelbergung sind Spezialisten für die Kampfmittelräumung unter Wasser. Das Unternehmen ist Mitglied bei der IMCA Diving Division – einer internationalen Organisation zum Güteschutz für das Tauchen rund um Offshore- und Marine-Einsätze – und der Güteschutzgemeinschaft Kampfmittelräumung Deutschland e.V. Deren Ziel ist es, die Öffentlichkeit vor Gefahren, die aus der Kampfmittelräumung resultieren, zu schützen und die Gefahren zu begrenzen, die sich für die Mitarbeiter der Räumfirmen aus ihrer gefährlichen Tätigkeit ergeben, indem Qualitätsstandards festgelegt werden.

Doch es sind nicht Kampfmittel allein, welche das Team zu Tage fördert – auf dem Meeresboden schlummern viele Überraschungen, die vor Helgoland einst versenkt wurden. „Wir bergen jede Menge Schrott. Sogar eine Antriebswelle eines Schiffs  oder Stahlplatten eines Bunkers haben wir schon herausgeholt“, erklärt der Geschäftsführer. Für diese Aufgabe kommt eine weitere Cat Maschine ins Spiel: ein Cat Radlader 914G, der dann dafür sorgt, das Material samt Fundstücken aufzuhalden, das per Dumper transportiert und erst einmal sicher zwischengelagert wird.

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