Jan Metzger

„Die größte Herausforderung ist momentanfür mich die Bewältigung unserer Wachstumsschmerzen.“Jan Metzger, C. Otto Gehrckens. Bild: COG

Und Innovationen gelingen seiner Meinung nach am besten in einem Klima der Kontinuität. Doch urteilen Sie selbst.

fluid: Das Unternehmen wurde 1867 in Pinneberg bei Hamburg gegründet. Bitte kurz die wichtigsten Meilensteine.

Ich möchte die Frage stichpunktartig beantworten:

  • 1867: Gründung der Firma Metzger & Sohn als Gerberei
  • 1919: Übernahme der Lederfabrik C. Otto Gehrckens und Weiterführung der Geschäfte unter diesem Namen
  • 1950er Jahre: Produktionsumstellung von Leder auf Gummi, Herstellung von Gummi-Keilriemen und -dichtungen
  • 1998: Verkauf des Keilriemenbereichs, Fokus auf die Dichtungstechnik
  • 2002: Umzug von Vertrieb, Logistik und Verwaltung in neu erbaute Räumlichkeiten am heutigen Firmensitz
  • 2007/2008: Bau der neuen Produktionsstätte und weiterer Büroflächen. Umzug der Produktion und Schließung des alten Standortes
  • 2013: Fertigstellung des dritten Bauabschnittes mit der Erweiterung des Lagers und dem Bau zusätzlicher Büroflächen

Heute ist COG mit über 200 Mitarbeitern einer der führenden Anbieter von O-Ringen in Deutschland. Das Familienunternehmen wird in 5. Generation von Ingo Metzger (technischer GF) und Jan Metzger (kaufmännischer GF) geleitet.

fluid: Bitte kurz Ihren beruflichen Werdegang.

Die Stationen im Telegrammstil: Nach der Bundeswehr Ausbildung als Außenhandelskaufmann bei einem Unternehmen für internationale Agrarprodukte, Rohstoffhändler in Hamburg und Paris, parallel berufsbegleitendes BWL-Studium. Im Jahr 1994 erfolgte der Eintritt in die Firma COG. Seit 1997 Mitgesellschafter und kaufmännischer Geschäftsführer COG.

fluid: Wenn Sie die letzten Jahre Revue passieren lassen. An welche Höhen und Tiefen erinnern Sie sich noch ganz besonders gut?

Da fällt mir spontan die wirtschaftliche Achterbahnfahrt der Jahre 2008 bis 2010 ein. Nachdem wir das Jahr 2008 noch mit einem Rekordumsatz abschließen konnten, fielen wir ab Januar 2009 im Rahmen der Wirtschaftskrise in ein tiefes Loch, bis hin zu Rückgängen von über 30 % im Sommer 2009 und der ständigen Ungewissheit, wann der Boden erreicht ist.

Mit Kurzarbeit und ausreichender Liquidität konnten wir diese harte Zeit ohne Mitarbeiterabbau überwinden, bevor sich dann Anfang 2010 die Lage wieder verbesserte und gleich wieder ins andere Extrem umschlug: Im März 2010 gab es noch Kurzarbeit, im April wurden schon wieder einige Samstage gearbeitet und ab Mai wurden neue Mitarbeiter eingestellt. Im Endeffekt wurden dann in 2010 die Rückgänge des Vorjahres komplett wieder aufgeholt und sogar das Ergebnis von 2008 übertroffen.

fluid: Von all dem, was Sie bislang mit der Firma erreicht haben: worauf sind Sie besonders stolz?

Unser bisheriger Erfolg ist das Ergebnis einer guten Zusammenarbeit aller bei COG, und zwar von der Mischungsentwicklung bis zum Versand, auch auf Abteilungsleiter- und GL-Ebene. Und auf diese Mannschaft bei COG bin ich sehr stolz. Ganz persönlich bin ich stolz darauf, dass es meinem Cousin und mir in den letzten 15 Jahren gelungen ist, das Unternehmen grundlegend zu modernisieren und auf einen Wachstumspfad zu bringen, ohne dabei unsere Bodenständigkeit und Werte zu verlieren.

fluid: Wenn Sie die Zeit noch einmal zurückdrehen könnten: Welche unternehmerische Entscheidung aus vergangenen Tagen würden Sie heute anders treffen?

Das jahrelange Bemühen, den damals defizitären Keilriemenbereich wieder auf Spur zu bekommen, hat viele Kapazitäten gebunden. Wir hätten ihn aus heutiger Sicht früher verkaufen sollen.

fluid: Ein Zitat aus Ihrem Internet-Auftritt: „Tradition und Innovation bilden bei COG eine kraftvolle Einheit.“ Können Sie diese Absichtserklärung ein bisschen transparenter machen?

Sehr gerne. Unsere Tradition als Familienunternehmen beinhaltet Werte wie beispielsweise Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit und langfristiges Denken. Diese Werte werden so bei COG auch gelebt und bilden eine ideale, sichere Basis für Innovationen. Die Dichtungswelt dreht sich auch für uns immer schneller, und nur neue, innovative Lösungen für unsere Kunden sichern unseren dauerhaften Erfolg. Diese Lösungen sind auch nicht auf Produktinnovationen begrenzt, es zählt das komplette Paket für den Kunden. Diese Innovationen bedeuten natürlich auch intern immer wieder Weiterentwicklung und Veränderung. Und die gelingt nach unserer Erfahrung am besten in einem Klima der Kontinuität.

fluid: Was bereitet Ihnen derzeit am meisten Kopfzerbrechen?

Die größte Herausforderung ist momentan für mich die Bewältigung unserer Wachstumsschmerzen, wie ich sie gerne nenne. COG hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt und ist erfolgreich in neue Branchen vorgestoßen. Dieses Wachstum erforderte viele interne Veränderungen und Anpassungen unserer Struktur und natürlich ist dieser Prozess auch noch nicht abgeschlossen. Hierbei den weiteren Ausbau von technischer und Prozess-Kompetenz mit der gleichzeitigen Steigerung von Flexibilität und Kundenservice in Einklang zu bringen, ist eine ständige und fordernde Aufgabe, die uns auch weiterhin begleiten wird.

fluid: An welchen aktuellen Projekten arbeitet das Unternehmen derzeit?

Wir haben aktuell mehrere neue Werkstoffe für Anwendungen im Öl- und Gas-Bereich entwickelt. Diese sind beständig gegen explosive Dekompression und erfüllen alle die strengen Anforderungen des Norsok-Standards M-710. Mit diesen Spezialwerkstoffen etablieren wir uns derzeit in diesem Nischenmarkt. Darüber hinaus expandieren wir weiter stark mit unseren High-Tech-Werkstoffen in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie.

fluid: Wenn Sie bezüglich Ihrer Abnehmer einen Wunsch frei hätten – welchen hätten Sie?

Es gibt auf der Seite unserer Kunden gerade bei Spezialwerkstoffen den Trend, bei der Beschaffung nicht mehr nur den Preis bis zur zweiten Nachkommastelle zu verhandeln, sondern Faktoren wie Anwendungsberatung, Liefersicherheit oder Rückverfolgbarkeit mit zu bewerten. Ich würde mich freuen, wenn sich dieser Trend fortsetzt, denn letztlich führt das Ausblenden von Einzelfaktoren oder der Vergleich von Äpfeln und Birnen immer wieder zu Kaufentscheidungen, die für den Kunden nur auf den ersten Blick gewinnbringend sind.

fluid: Sie zählen in der Branche zu den führenden Anbietern von Präzisions-O-Ringen. Lassen Sie uns eine Zeitreise machen: Stellen Sie sich vor, Ihr Kalender würde das Jahr 2024 anzeigen. Was unterscheidet dann den O-Ring von der heutigen Ausführung?

Er wird natürlich weiterhin rund sein und durch Innendurchmesser und Schnurstärke definiert sein. Änderungen wird es bei den inneren Werten geben: Aufgrund steigender Anforderungen in den Anwendungen wird die Zahl der Hochleistungswerkstoffe weiter ansteigen. Die Ausweitung der Hoch- und Tieftemperaturgrenzen und die Verbesserung der Medienbeständigkeit werden hierbei im Vordergrund stehen. Auch an die Oberflächenstruktur der O-Ringe werden zukünftig verstärkt höhere Ansprüche gestellt, und nicht zuletzt wird es deutlich mehr Möglichkeiten zur Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit von O-Ringen geben. Diese Änderungen bedeuten aber natürlich nicht, dass die heutigen Werkstoffe dann alle entfallen. Auch im Jahr 2024 wird es noch NBR 70 geben.

fluid: Kundenorientierung ist für Sie mehr als ein Schlagwort?

Ja, auf jeden Fall. Unser Ziel sind langfristige und partnerschaftliche Kundenbeziehungen. Unsere Produkte und Services müssen unseren Kunden helfen, in ihren Märkten erfolgreich zu sein. Nur wenn unsere Kunden erfolgreich sind, sind wir es auch. Um dieses gemeinsame Ziel zu erreichen, ist vor allem ein enger Kontakt mit dem Kunden notwendig, denn nur wenn wir die Bedürfnisse unseres Kunden kennen, können wir uns auch danach ausrichten. Im Idealfall geht die Zusammenarbeit bis hin zur Entwicklungspartnerschaft, in der wir gemeinsam mit dem Kunden genau auf sein Anforderungsprofil abgestimmte Werkstoffe entwickeln. Gerade bei einem typischen C-Artikel, wie dem O-Ring, spielt zudem die Verfügbarkeit eine zentrale Rolle. Hierauf haben wir uns eingestellt und können heute unsere Kunden durch unsere äußerst umfangreiche Lagerbevorratung mit über 45.000 verschiedenen O-Ring-Typen schnell und unkompliziert beliefern.

fluid: Wachstum kann man kaufen oder intern erarbeiten. Ihre Strategie?

Erarbeiten, denn diese Strategie ist im Endeffekt nachhaltiger. Zumindest ist das unsere Erfahrung, welche letztendlich auf 147 Jahren Firmengeschichte basiert.

fluid: Haben Sie sich schon einmal gegen einen mehr oder weniger „friendly take over“ durch Dritte zur Wehr setzen müssen?

Es gibt natürlich immer wieder Anfragen für eine Beteiligung oder Übernahme. Wir sind uns im Gesellschafterkreis aber darüber einig, dass wir auch weiterhin als Familienunternehmen erfolgreich wachsen wollen.

fluid: Wie informieren Sie sich?

Online-Medien, Fachzeitschriften und Tageszeitungen. Zur Entspannung dann abends noch die Regionalzeitung.

fluid: Das aktuelle Hype-Thema ist Industrie 4.0. Inwiefern haben Sie sich mit dem Thema schon auseinandergesetzt?

Ja, wobei wir aktuell nicht sagen können, dass dieses Thema für unsere Fertigung schon eine große Bedeutung hat. Als mittelständischer Produktionsbetrieb, der kleine und mittlere Serien herstellt und dabei einen relativ hohen Anteil an manuellen Tätigkeiten hat, steht für uns der sinnvolle Einsatz konventioneller Automatisierungslösungen weiterhin im Vordergrund.

fluid: Die wichtigste Aufgabe in den kommenden zwölf Monaten?

Der weitere Ausbau unserer Auslandsaktivitäten in ausgewählten Regionen und der erfolgreiche Geschäftsaufbau in Zielbranchen wie der Öl- und Gasindustrie.

Autor: Franz Graf, Chefredakteur