Matthias Kremer - Bild: fluid / wk

Matthias Kremer ist seit 22 Jahren bei Jumo. 20 Jahre lang leitete er die Analysenmesstechnik, seit 2015 ist er Branchenmanager Wasser/Abwasser. Bild: fluid / wk

Herr Kremer, was ist Ihre Aufgabe bei Jumo?
Ich bin seit 22 Jahren im Unternehmen, bin Diplom-Ingenieur Elektrotechnik und Automatisierungstechnik. Rund 20 Jahre habe ich die Abteilung Analysenmesstechnik geleitet. Im Rahmen der Neustrukturierung des Vertriebs im letzten Jahr bin ich ins Branchemanagement gewechselt und und dort jetzt verantwortlich für den Bereich Wasser/Abwasser.

Was umfasst der Bereich Wasser/Abwasser? Was sind übliche Zielbranchen oder Anwendungen?
Das ist recht vielseitig. Wir sind in der Wasseraufbereitung von Schwimmbädern, da sind wir weltweit der größte Zulieferer an die Ausrüster der Schwimmbadtechnik. Typische Anwendungen sind auch kompakte Wasseraufbereitungsanlagen, zum Beispiel in der Meer- oder Brackwasseraufbereitung. Wir beliefern die technische produzierende Industrie. Bei jedem Produkt, das hergestellt wird, wird im Produktionsprozess in irgendeiner Form Wasser verbraucht. Dieses Wasser darf in der Regel nicht gleich in den Gully. Im Gegenteil, das ist heute meist ein Kreislauf mit ZLD-Technologie, Zero Liquid Discharge. Das Wasser wird vor Ort aufbereitet, die nutzbaren Stoffe werden herausgefiltert. Dann haben wir noch den Bereich der Luftreinhaltung. Dort setzt man Gaswäscher ein, bei denen die Luft feucht mit Wasser niedergeschlagen und dann chemisch behandelt wird. Auch in dem Bereich sind wir stark mit unserer Messtechnik.

Was war nun der Grund, Digiline zu entwickeln?
Wir haben da diesen Widerspruch: Auf der einen Seite Anlagen in Produktionsumgebungen, wo eine sehr robuste Technik gebraucht wird, auf der anderen Seite eine hoch sensible Messtechnik, bei der schon ein schmutziger Fingertapps auf einem Stecker die Messergebnisse verfälschen kann. Die Menschen, die dort arbeiten, brauchen robuste Technik. Ein fummeliges Koaxialkabel, bei dem man beim Sensortausch viel falsch machen kann, das taugt da im Grunde nicht. Deshalb haben wir uns überlegt: Wie bekommen wir das sicherer hin? Und: Womit können die Menschen heute gut umgehen: Computer ans Netzwerk stecken, ein Handy mit dem WLAN verbinden. Und so einfach sollte das auch mit unserer Messtechnik sein, das was der Plan.

Wie haben Sie das umgesetzt? Was für ein Produkt ist Digiline?
Zunächst, Digiline ist kein einzelnes Produkt, es ist ein System, ein vernetztes Sensorsystem. Ähnlich wie bei einem Computernetzwerk werden Sensoren und Geräte über Bussysteme zusammengeschaltet. Das klingt erstmal nicht so prickelnd neu, aber im Bereich der Flüssigkeitsanalyse ist so etwas noch nicht im Markt verbreitet. Es gibt kein einheitliches System, keine Norm. Jeder Hersteller macht ein bisschen was er will. Wir haben versucht, aus diesem Zustand etwas Besseres zu machen. Einerseits natürlich etwas, was sich auf die Jumo-Technik bezieht, auf der anderen Seite aber eine Offenheit hat für andere Systeme. Deshalb haben wir ein gängiges Industriebusprotokoll genommen, nicht irgendetwas Proprietäres.

Was ist das Besondere an Digiline?
Die analogen Sensoren im elektrochemischen Bereich sind sensibel auf kleinste Anschlussfehler. Denken Sie an eine pH-Messung, Sie haben einen Glassensor, ein sehr empfindliches Signal, ein Koaxialkabel. Bei der Verdrahtung passieren den Kunden leider immer wieder kleine Fehler, die zu sehr großen Schäden führen, wenn die Anlage dann verschifft ist und im Ausland steht. Da muss dann jemand hinfahren, nur weil das Kabel nicht ganz sauber verarbeitet wurde. Die Frage der Kunden war: Gibt es da nicht etwas Einfaches, etwas Digitales? Stichwort Plug and Play. Und das haben wir jetzt möglich gemacht. Bisher endete die Digitalisierung immer am Messverstärker. Den letzten analogen Pfad hin zum Sensor in der Anlage haben wir jetzt auch noch digitalisiert, bis kurz vors Wasser, sage ich mal. Die Elektronik ermöglicht dann Plug and Play beim Anschluss an Messumformer der Jumo-Aquis-touch-Serie oder an das Automatisierungssystem Jumo mTron T.

Matthias Kremer, Jumo - Bild: fluid / wk
Bisher endete die Digitalisierung am Messverstärker. Den analogen Pfad zum Sensor haben wir jetzt auch noch digitalisiert. Matthias Kremer, Jumo - Bild: fluid / wk

Nennen Sie mir noch ein paar technische Details zu Digiline.
Das System ermöglicht auf einfache Weise den Aufbau von Sensor-Netzwerken, bei denen die Sensoren wahlweise sternförmig oder in Baumstruktur vernetzt werden. Die Kommunikation zur nächsten Auswerteeinheit oder Steuerung übernimmt eine einzige gemeinsame Signalleitung. So können Anlagen, in denen mehrere Parameter gleichzeitig an verschiedenen Stellen gemessen werden müssen, effizient und schnell verkabelt werden. Im Moment messen wir damit pH-Wert, Temperatur, Redoxspannung, Leitfähigkeit, Sauerstoffkonzentration, Trübung und Desinfektionsmessgrößen, aber wir können es später noch auf andere physikalische Größen erweitern.

Die Digitalisierung erfolgt fest im Sensor?
Nein. Wenn der Sensor kein Verschleißteil ist, etwa bei der Leitfähigkeit, ist die Elektronik fest mit der Sensoreinheit verbunden. Bei anderen Sensoren, etwa pH-Wert, wo der Sensor nach einer gewissen Zeit verbraucht ist, wäre es natürlich schlecht, mit dem Sensor auch gleich die ganze Elektronik in den Müll zu werfen. Deshalb haben wir das schraubbar gemacht, trennbar. Die Digiline-Elektronik kann bei Verschleiß des Sensors weiterverwendet werden. Das Verschleißteil wird abgezogen und kann mit einem neuen Sensor ersetzt werden.

Welche Möglichkeiten bietet Digiline dem Nutzer?
Sie können mit dem Softwaretool Jumo DSM die Sensoren am PC kalibrieren und ein Messstellen-Management aufbauen. Die im Sensor gespeicherten Informationen ermöglichen die eindeutige Identifizierung einer Elektrode, die Konfigurations- , Parametrier- und Kalibrierdaten sind auch nach Austausch des Messumformers direkt vom Sensor abrufbar. Ein Kalibrierlogbuch gibt einen Überblick über die Kalibrierhistorie, ein Timer kann an Kalibrierungen erinnern. Ein Zähler für Autoklavier-, SIP- und CIP-Zyklen erlaubt Rückschlüsse auf die Strapazierung des Sensors durch Reinigungs- und Desinfektionsroutinen, die pH- und Redox-Elektroden verfügen zudem über ein erweitertes Condition Monitoring. Das ist meiner Ansicht nach schon eine ganze Menge Industrie 4.0 für die Sensorik.