Symbolbild Branchenzahlen Maschinenbau, Bild: Sergey Nivens/Fotolia

Für den Maschinenbau ist Stagnation angesagt (Symbolbild). Bild: Sergey Nivens/Fotolia

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation im deutschen Maschinenbau 2016 ein?

Gemessen an den ohnehin nicht hohen Erwartungen verlief der Jahresauftakt gar nicht mal so schlecht. Zudem gab es hier und da zaghafte positive Signale aus dem weltwirtschaftlichen Umfeld, in dem wir agieren. So richtigen Schwung entfaltete sich für den Maschinenbau daraus jedoch nicht. Hoffnungen auf ein Ende der Konjunkturschwäche in wichtigen Schwellenländern, auf eine Trendwende auf den Rohstoffmärkten, insbesondere für Erdöl und Erdgas, sowie auf eine nachhaltige Stabilisierung der Kapitalmärkte erfüllten sich nicht. Im Juli kippte die deutsche Maschinenproduktion dann sogar ins Minus. Teilweise konnte das im August wieder gut gemacht werden. Doch nach letztem Datenstand – Januar bis September – beträgt das Produktionsplus unserer Branche preisbereinigt gerade einmal 0,4 Prozent. Mit anderen Worten: Wir bewegen uns ungefähr auf Vorjahresniveauniveau, und so lautet nach wie vor unsere Jahresprognose 2016.

Ralph Wiechers, Bild: VDMA
Ralph Wiechers ist Chefvolkswirt und Mitglied der Hauptgeschäftsführung des VDMA. Bild: VMDA

Wo findet derzeit Wachstum in der Welt statt?

Da muss man bei einer insgesamt leicht rückläufigen Exportentwicklung – Stand Januar bis August 2016 ein Minus von nominal knapp zwei Prozent – schon genau hinschauen: Exportzuwächse in nennenswerter Größenordnung können wir in Europa verzeichnen.

Ein Plus der deutschen Maschinenausfuhren von einem Prozent in der EU, von zweieinhalb Prozent in den Euro-Nachbarländern ist für sich genommen nicht unbedingt berauschend. Doch Europa ist mit großem Abstand unser wichtigster Markt; 57 Prozent unserer Maschinenausfuhren gehen an Kunden in den europäischen Nachbarländern. Sie tragen damit wesentlich zur Stabilisierung unserer Exporterlöse bei.

Eine positive Exportentwicklung sehen wir darüber hinaus in Südostasien, in Afrika und Australien-Ozeanien. Diese Regionen stehen für insgesamt reichlich sieben Prozent unserer Exporterlöse. Das ist überschaubar. Ich erwähne es trotzdem, denn es passt zu der Beobachtung, dass in vielen Ländern der zweiten, wenn nicht gar dritten und vierten Reihe durchaus Erfolge im Kleinen erzielt werden.

Hinterlässt das Votum der britischen Staatsbürger für einen Austritt aus der EU schon Spuren?

Das Vereinigte Königreich ist der viertgrößte Auslandsmarkt des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus. 2015 wurden deutsche Maschinenbauerzeug­nisse im Gesamtwert von 7,2 Mrd. Euro dorthin exportiert. Der Anteil der deutschen an den Gesamtausfuhren betrug damit knapp fünf Prozent. Deutsche Maschinenlieferanten haben einen guten Stand im Vereinigten Königreich. Maschinenbauimporte aus Deutschland machen rund ein Sechstel des UK-Maschinenmarktes aus. Damit sind wir nach den heimischen Herstellern, worunter sich auch namhafte deutsche Namen finden, die Nummer zwei.

In den ersten acht Monaten beläuft sich die Maschinenausfuhr auf ein Minus von 0,4 Prozent. „So what!“ mag man dies vorschnell kommentieren. Doch schon bald dürften sich die ersten Folgen des Brexit-Votums zeigen. Das schwache Pfund bewirkt unmittelbar einen spürbaren Verlust der preislichen Wettbewerbsfähigkeit deutscher und anderer Hersteller jenseits des Ärmelkanals gegenüber britischen Produzenten.

Schwerer wiegt jedoch die wachsende Verunsicherung nicht nur britischer Kunden über die möglichen Implikationen des Brexit-Referendums. Vor Frühjahr 2019 ist nicht mit dem faktischen Brexit zu rechnen, wenn überhaupt. Denn aktuell ist nicht einmal klar, wer über den Austritt überhaupt entscheiden darf: die Regierung oder das britische Parlament.

Wir müssen uns also darauf einstellen, dass Ablauf und Ergebnisse der Verhandlungen über den britischen EU-Austritt lange offenbleiben. Das führt nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern in der gesamten EU zu anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten und ständigen Diskussionen über die zukünftige Ausgestaltung der EU.

Die britische Entscheidung belastet insofern nicht nur die Exportaussichten des Maschinenbaus nach Großbritannien, sondern grundsätzlich die Nachfrage nach Investitionsgütern in der EU. Hier liegt das eigentliche Risiko. Die Folgen sind zum jetzigen Zeitpunkt seriös nicht abschätzbar.