Prof. Thomas Herlitzius

Der Schwarm als Ganzes verhält sich unterm Strich wie eine große Maschine.Prof. Thomas Herlitzius, TU Dresden

Nun ist die Branche auf der Suche nach frischen Ideen. Professor Thomas Herlitzius, Leiter des Lehrstuhls Agrarsystemtechnik an der Fakultät Maschinenwesen der TU Dresden, sieht für kleine Unternehmen die Chance, wirklich etwas zu bewegen – wenn sie bereit sind, Risiken einzugehen.

Vor einigen Jahren galt der Elektroantrieb in Landmaschinen als großes Zukunftsthema. Inzwischen hört man nicht mehr so viel davon. Wie ist Ihre aktuelle Einschätzung?

Meiner Einschätzung nach befinden wir uns im Tal des Gartner-Hype-Zyklus‘. 2007 ging das los, da wuchs die Euphorie immer weiter. Den Peak hatten wir dann ungefähr 2011. Aber seitdem ist in vielen Projekten und Versuchen klar geworden, dass die Technik sehr teuer ist.

Aktuell ist die Motivation deshalb im Keller. Ob es wieder zu einem Aufschwung kommt, weiß ich nicht. Momentan sieht es eher nicht danach aus. Man hat viel ausprobiert in den Firmen und an den Hochschulen. Die Technik ist sehr gut, aber noch zu teuer und zu schwer, sodass wir weiter intensiv an der Rentabilität arbeiten.

Mit welchen anderen Themen beschäftigen Sie beziehungsweise die Landtechnik-Industrie sich gerade?

Das Problem ist: Bis jetzt kennt die Landtechnik nur eine Richtung: Größere Maschinen bringen höhere Produktivität. Die Kosten für die technische Verbesserung gingen immer einher mit einem gleichermaßen ansteigenden Nutzen für den Bediener.

Aber wir sind inzwischen an dem Punkt, an dem die Kosten für weitere Verbesserungen stärker steigen als der Nutzen für den Anwender. Das hängt auch damit zusammen, dass die Größe und das Gewicht der Maschinen nicht mehr erhöht werden können, Gründe sind beispielsweise die Bodenverdichtung durch zu hohe Radlasten und die Bestimmungen der Straßenverkehrszulassungsordnung. Das haben Sie auch auf der Agritechnica gesehen.

Dort war ein System ausgestellt, mit denen Traktoren das zweite Paar Räder für die Straßenfahrt nach hinten klappen können, damit sie die maximal zulässige Breite einhalten.

Genau, aber was hat der Anwender von einem solchen System? Das verschafft ihm erst mal nicht mehr Gewinn. Indirekt kommt es dann natürlich schon wieder dazu, weil diese Systeme selbstverständlich Verbesserungen mit sich bringen, aber Sie sehen das Problem: Der Nutzen steigt nicht mehr proportional mit dem Technikaufwand.

Nun ist die Branche auf der Suche nach Zukunftsthemen, mit denen diese Kosten-Nutzen-Rechnung wieder funktioniert. Viele ernst zu nehmenden Fachleute sehen eine Alternative in Verkleinerung und Verlangsamung, was im Wesentlichen durch Robotik und die autonomen Maschinen, also selbstfahrende Fahrzeuge, dargestellt werden kann, die dann in Schwärmen von einem Bediener überwacht agieren könnten.

Sehen die Unternehmen dieses Thema genauso?

Ja, die Thematik ist bekannt. Aber die Lösung ist noch nicht greifbar, das sind alles Ideen, deren Erfolg heute keiner absehen kann. Die großen Landtechnikhersteller wie John Deere und Claas können die Themen autonome Maschinen und Robotik nicht federführend vorantreiben, weil das Risiko in dieser Situation zu hoch für sie ist. Natürlich werden sie es aber auch keinesfalls ignorieren, um eventuelle neue Wettbewerber unter Kontrolle behalten zu können.

In der inkrementellen Innovation sind diese Firmen weiter führend. Aber ich gehe davon aus, dass es kleinere Unternehmen sein werden, die, sobald der Bedarf deutlicher sichtbar ist, völlig neue Maschinen und Verfahrenskonzepte entwickeln werden. Und irgendeiner landet dann einen Glücksgriff und hat Erfolg. Viele von ihnen werden auch scheitern, das ist klar.

Seit Jahren wächst die Zahl der maximalen Leistung bei Landmaschinen. Wäre es denkbar, dass künftig wieder mehr kleinere Maschinen gebaut werden?

Genau das ist der Gedanke, der hinter dem autonomen Fahren in der Landwirtschaft steckt. Damit ließe sich die Produktivität der Bearbeitung noch einmal verbessern. Denn Äcker sind ja sehr unterschiedlich. Entsprechend lohnt es sich, an einigen Stellen beispielsweise mehr Dünger aufzubringen. Ich würde sagen, dass die optimale Breite für eine solche Teilfläche zwischen fünf und zehn Metern liegt.

Wenn Ihre Maschine aber elf Meter breit ist, dann ist das Ihre minimale Teilflächenbreite. Diese teilflächenspezifische Bearbeitung geht mit mehreren kleinen Maschinen natürlich besser. Und das Problem mit der Bodenverdichtung, dessen negative Konsequenzen meiner Ansicht nach unterschätzt werden, haben Sie mit kleineren Maschinen deutlich weniger.

Der Bauer würde dann weiter in seinem Traktor sitzen, nur dass diese Maschine kleiner ist und von weiteren Maschinen flankiert wird, die selbstständig ihre Position zum Führungsfahrzeug halten. Das ändert die Bedienung ja kaum, oder?

Genau, die Bedienung auf dem Feld bliebe im Grunde die Gleiche. Der Schwarm als Ganzes verhält sich unterm Strich wie eine große Maschine. Außer für die Straßenfahrt natürlich. Aber da ist noch viel zu tun, bis das Realität wird.

Hilft Ihnen dabei die Automobilindustrie, dort arbeiten ja große Unternehmen mit Hochdruck an diesem Thema?

Ja, da gibt es große Überschneidungen. Die funktionale Sicherheit und die Umfelderkennung sind in beiden Anwendungsfeldern ein Thema, wobei ein Feld eine anspruchsvollere Umgebung ist als eine Straße, zum Beispiel wegen der Unebenheiten im Boden. Wir haben dazu auch ein Projekt laufen, an dem zwei große Automobilzulieferer beteiligt sind.

Ist es wirklich so, dass die landwirtschaftlich nutzbare Fläche weltweit abnimmt? Und falls ja: Müsste man dann nicht eher auf Ertrags- statt Produktivitätssteigerung setzen?

90 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens ist heute in Gebrauch. Der Bedarf an Biomasse und Lebensmitteln steigt aber sehr stark, und er muss auf Dauer nachhaltig gedeckt werden. Das ist nicht der Fall, auch nicht in Deutschland – wir wirtschaften nicht nachhaltig. Ich bin jedoch überzeugt, dass Ertragssteigerung und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sein müssen.

Die Schwierigkeiten der Landwirtschaft von morgen lassen sich heute schon bei den Biobauern beobachten. Zum Beispiel ist die Landtechnik auf konventionelle Bewirtschaftung ausgelegt, einfach weil die Biobranche erstens noch jung und zweitens zu klein ist. Biobauern müssen aber mit ganz anderen Mitteln arbeiten und haben deswegen Probleme, die in der konventionellen Landwirtschaft nicht auftreten.

Das sieht man beim Thema Unkraut: Ein konventionell wirtschaftender Bauer spritzt einfach ein Unkrautvernichtungsmittel. Das geht in der Biolandwirtschaft nicht. Also muss ein Landwirt verhindern, dass bei der Ernte die Unkrautsamen mit den Pflanzenresten wieder auf das Feld gelangen. Eine Möglichkeit, die tatsächlich angewandt wird, ist es, zusätzlich eine Mühle hinterher zu ziehen, mit denen die Pflanzen und auch die Samen fein zerkleinert werden. Das ist natürlich teuer. Wir arbeiten an einer günstigeren, intelligenteren Lösung.

In vielen Regionen, wie Indien, wird Landwirtschaft mit geradezu mittelalterlichen Methoden betrieben. Kann nicht moderne oder modernere Landtechnik hier für mehr Ertrag sorgen?

Unsere Landtechnik ist für Indien nicht geeignet. Da sind die Leistung und die Größe der Maschinen um den Faktor zehn zu hoch, vom Preis ganz zu schweigen. Allerdings ist auch in diesen Ländern ein Trend zur weiteren Mechanisierung vorhanden, und die großen Hersteller entwickeln vor Ort Technik für diese Märkte.

Dagmar OberndorferRedakteurin: Dagmar Oberndorfer

- wollte wissen, wohin der Weg der Landtechnik-Industrie weltweit führt.

Hype-Zyklus

Euphorie im Wandel

Der Gartner Hype Cycle beschreibt, wie sich die Aufmerksamkeit für eine Technologie im Laufe der Zeit entwickelt. Am Anfang steht eine neue Technologie, für die es in vielen Fällen noch kein Produkt gibt, und deren Wirtschaftlichkeit noch nicht feststeht. Dann schaukeln sich die Erwartungen hoch, bald folgt jedoch Desillusionierung. Einige Unternehmen bleiben dran, und es kristallisieren sich erste Geschäftsmodelle heraus. Erst danach springen vorsichtigere Unternehmen auf den bereits fahrenden Zug auf.