Katja Ebenhoch

Katja Ebenhoch, Leiterin des Geschäftsfeldes Industrial Machinery bei der Hoerbiger Automatisierungstechnik: „ePrAX ist ein elektrischer Antrieb mit hydraulischem Getriebe.“

Eine Bestandsaufnahme im Interview mit Katja Ebenhoch.

fluid: Sie sind Leiterin des Geschäftsfeldes Industrieller Maschinenbau. Beschreiben Sie bitte kurz das Tätigkeitsfeld dieser Hoerbiger-Sparte. Und für all diejenigen, die Hoerbiger nicht so gut kennen: Wo ist dieses Geschäftsfeld in der Struktur des großen Hoerbiger-Konzerns angesiedelt?

Der Hoerbiger-Konzern mit seinen 6700 Mitarbeitern und 1,06 Mrd. Euro Umsatz gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: die Kompressortechnik, die Antriebstechnik und die Automatisierungstechnik. Industrial Machinery ist eines der strategischen Geschäftsfelder innerhalb der Automatisierungstechnik, dessen Zielmarkt der Maschinenbau ist. Dabei fokussieren wir uns ganz bewusst auf bestimmte Branchen, zum Beispiel Blechbearbeitungsmaschinen wie Pressen, Scheren oder Laseranlagen.

fluid: Was war die Triebfeder für die Entwicklung des elektrohydraulischen Antriebs ePrAX?

Katja Ebenhoch

„Eine unserer wichtigsten Aufgaben in der Marktbearbeitung ist, dass der ePrAX passend einsortiert wird.“
Katja Ebenhoch, Hoerbiger Automatisierungstechnik

Die Hoerbiger Automatisierungstechnik blickt auf fast 40 Jahre Erfahrung im Pressenbereich und hat hier auch maßgebliche Innovationen auf den Weg gebracht. Wenn Sie die Innovationsschritte aneinanderreihen ergibt sich ein Bild: Antrieb für jeden dieser Schritte war Mehrwert und Simplifizierung für den Kunden. ePrAX ist die logische Weiterführung in Perfektion, was Performance, Innovation und Plug-and-Work angeht.

fluid: Sie behaupten, der Antrieb sei ein Aktuator der Extraklasse. Was ist so besonders?

Es ist ein elektrischer Antrieb, der nicht nur stark sondern auch wirtschaftlich ist. Elektro-mechanische Antriebe haben einen Spagat zu meistern: Einerseits ist ein mechanisches Getriebe teuer, wenig flexibel und wartungsintensiver. Andererseits darauf zu verzichten bedeutet, die Energiezufuhr bestimmt die Kraft. In bestimmten Anwendungsfällen sind beide Wege nicht wirtschaftlich, beispielsweise bei Zwei-Punkt-Pressen jenseits von 80 t. Hier punktet das hydraulische Getriebe, das jede Fahrkurve mit Kräften bis zu 250 t an jedem Punkt realisiert.

fluid: Die erste Generation wurde auf der Euroblech 2012 vorgestellt. Welche Erkenntnisse sind nach der Premiere in die neue Generation eingeflossen?

Das technische Konzept hat Kunden wie auch Anwender absolut begeistert und daran werden wir festhalten. Was wir in der Kommunikation noch schärfen müssen, ist die Positionierung als eDrive. Es existiert kein vergleichbarer elektro-hydraulischer Antrieb, der in sich komplett geschlossen ist. Darum ist eine unserer wichtigsten Aufgaben in der Marktbearbeitung, dass der ePrAX passend einsortiert wird.

fluid: Kann man beim ePrAX schon von einer Familie sprechen?

ePrAX15

Der ePrAX15 leistet im Doppel 110 t und der ePrAX19 satte 170 t. Geplant ist ein Ausbau bis 250 t.

Ja, wir sind auf der Euroblech 2012 mit dem kleinsten der Familie zum ersten Mal angetreten. Der ePrAX15 leistet im Doppel in einer Presse eingesetzt 110 t. Auf der diesjährigen Blechexpo haben wir den ePrAX19 vorgestellt, der bis zu 170 t abdeckt. Die weitere Familienplanung sieht einen Ausbau bis 250 t im Doppel vor.

fluid: Wo liegen die Haupteinsatzgebiete?

Ausgangspunkt war, den Antrieb für Pressen zu entwickeln. Eine Achse mit 55 bis 125 t, die jede Fahrkurve realisieren kann, die benötigt wird. Wenn Sie in den Maschinenbau blicken und von der Bewegung kommend genau dies benötigt wird, kann ePrAX eingesetzt werden. Bei Abkantpressen werden in der Regel zwei Antriebe eingesetzt, die damit den Tonnagenbereich von 110 bis 250 t abdecken. Denkbar ist natürlich auch eine Vier-Punkt-Presse, die damit Presskraftbereiche von 220 bis 500 t erreicht.

fluid: Haben sie mit dem Antrieb in jüngster Zeit schon ein Projekt verwirklicht, das technisch besonders anspruchsvoll war?

Wir haben schon die eine oder andere Herausforderung mit ePrAX gemeistert, zusammen mit unserem Entwicklungspartner EHT Werkzeugmaschinen. Im System einer Presse kann eine Komponente nur begrenzt auf die Gesamtperformance Einfluss nehmen. Der Schlüssel zur Top-Performance ist ein System, das perfekt aufeinander abgestimmte Komponenten beinhaltet. Und genau darauf sind wir stolz, mit einem starken Partner wie EHT dem ePrAX das Maximum zu entlocken.

fluid: Wo sehen Sie im Kreise von Wettbewerbsprodukten für Ihren Antrieb die größten Stärken?

Der größte Wettbewerbsvorteil ist sicher, dass ePrAX eine ganz neue Kategorie von Antrieben darstellt. Der Trend zur Energieeffizienz mit hybriden servo-hydraulischen Antrieben wird selbstverständlich auch von uns mit dem Compact Hybrid Drive CHD abgedeckt. Das würde ich als Vorstufe zum ePrAX bezeichnen. CHD ist nach wie vor ein offenes Hydrauliksystem, bei dem das Öl Kontakt zur Luft hat – mit allen Nachteilen wie Alterung und Verschmutzung. ePrAX ist komplett in sich geschlossen mit lediglich neun Liter Öl je Achse und damit ein elektrischer Antrieb mit hydraulischem Getriebe.

fluid: Wie soll es in der Produktentwicklung mit ePrAX denn weitergehen?

Im ersten Schritt werden wir die Familienplanung umsetzen und bis Ende 2014 alle Tonnagen in den Markt bringen. Und auf diesem Weg sind wir gemeinsam mit unseren Kunden natürlich schon auf Ideen gestoßen, die in unsere zukünftigen Entwicklungen fließen. Zuviel möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, nur soviel: Intelligente Aktuatorik wird die bestimmende Strategie der Hoerbiger Automatisierungstechnik der Zukunft sein.

fluid: Vor dem Hintergrund der aufkommenden elektrischen Antriebstechnik: Wie bewerten Sie den weiteren Gang der Hydraulik?

Ich weiß, dieses Interview ist für fluid und dieser Zielgruppe wird es nicht gefallen, aber es ist eine Tatsache: kein Kunde mag Öl. Und damit meine ich wirklich das emotionale Wort „mögen“. Warum erlebt die Elektrifizierung die letzten Jahre einen dermaßen Hype? Diese Technologie ist sauber und einfach beherrschbar. Ebenso sehen wir einen nicht enden wollenden Komplexitätsanstieg in allen Branchen. Die erfolgreichen Produkte der Zukunft sind intelligent und in der Lage, die Komplexität und Leistungsanforderungen zu realisieren. Gleichzeitig bestechen sie durch Einfachheit und sind gleichzeitig ansprechend oder wie provokative Marketeer sagen würden: sexy.

Und Öl ist nicht sexy. Jetzt versuche ich aber die Kurve zu bekommen und gehe auf die technologische Ebene: Die Hydraulik als Technologie wird eine Renaissance erleben, davon bin ich absolut überzeugt. Auch die Elektrifizierung wird voranschreiten – jedoch beides nicht in Reinform. Ein rein elektrischer Antrieb würde nämlich seine ganze Kraft aus dem Netz ziehen. Und genau hier kommen intelligente hydraulische Getriebe ins Spiel. Die perfekte Kombination der Vorteile aller Technologien wird erfolgreiche Unternehmen der Zukunft auszeichnen. Hier möchte ich ein frei übersetztes Zitat des Fluidtechnik-Visionärs Peter Achten bemühen: „Stellen Sie sich ein Szenario vor, in dem ein Elektromotoren-Hersteller feststellt, dass die Leistungsdichte der Hydrauliksysteme viel höher ist als die elektrischer Motoren.“