| von Wolfgang Kräußlich

Ist in diesem Bereich denn überhaupt noch Innovation möglich? Und was sind die Innovationstreiber?

Dr. Kristian Müller-Niehuus: Es gibt ja für viele Produkte eine S-förmige Entwicklungskurve. Erst geht es langsam voran, dann folgt eine rapide Entwicklung und am Ende werden die Innovationssprünge wieder kleiner. Ich bin der Auffassung, dass wir mit den Dichtungen eher am Ende der Kurve sind, es gibt nur noch kleine Ausschläge. Impulse gibt es immer wieder, wenn der Gesetzgeber etwas ändert oder Materialien verbietet, dann muss Neues entwickelt werden. Aber ohne diesen Druck sind es eher kleine Ausschläge in der Entwicklungskurve.

Gonzalo Barillas: Wichtige Ausschläge.

Dr. Kristian Müller-Niehuus: Ich möchte noch ergänzen, dass nicht nur der Gesetzgeber Innovationen treibt, sondern auch wir selbst. Freudenberg hat sehr hohe Sicherheitsstandards, wir gehen da weit über die gesetzlichen Vorschriften hinaus und legen uns eigene Regeln auf. Giftige Stoffe dürfen bei uns nicht verwendet werden, weil wir Mitarbeiter und Umwelt schützen möchten, und auch deshalb müssen wir neue Ideen entwickeln.

Gonzalo Barillas: Ein weiterer wichtiger Punkt, der immer wieder unsere Entwicklungsarbeit antreibt, ist die Verfügbarkeit der Rohstoffe. Wir verwenden in der Dichtungs-Herstellung relativ geringe Mengen von wichtigen Grundstoffen für die Herstellung unserer Werkstoffe, und wenn die Großchemie sagt, das liefern wir nicht mehr, dann gibt es das nicht mehr. Da sind nicht nur wir betroffen, sondern die ganze Dichtungstechnik.

Einen großen Sprung haben wir mit der Vorstellung des neuen Werkstoffs 94 AU 30000 gemacht. Diese Polyurethan-Generation bietet deutlich verbesserten Eigenschaften. Bild: fluid

Gonzalo Barillas, Freudenberg Sealing Technologies

Ist das ein ernstzunehmendes Szenario, dass ein Hersteller einen Werkstoff einstellt? Ich meine, kommt das so oft vor?

Gonzalo Barillas: Ja, das passiert immer wieder. Die Dichtungen haben ein relativ kleines Volumen, im Vergleich zum Polyamid- oder zum Schaum-PU-Markt. Der Gummimarkt wird im Wesentlichen von der Reifenindustrie beherrscht. Vergleichen Sie einen Reifen mit einer Dichtung: Das sind völlig andere Volumina. Die Großindustrie konzentriert sich auf das Massengeschäft, wo sie standardisierte Prozesse fährt. Wir haben sehr viel Aufwand damit, Alternativrezepturen bereit zu halten oder ständig neu zu entwickeln. Denn bei neuen Rezepturen müssen Sie ja, vor allem für die Automotive-Industrie, die ganzen Freigabenprozeduren wiederholen, und das dauert relativ lange.

Dr. Kristian Müller-Niehuus: Ein Beispiel: In Hamburg liegen die Materialbestellungen pro Rohstoff im Bereich von ein paar Hundert Kilogramm. In die Reifenindustrie gehen aber hunderte Tonnen. Wenn vom Grundstoffhersteller an der Mischung etwas geändert wird, wenn etwa gesagt wird, er gibt jetzt zum Beispiel mehr Ruß in die Mischung, dann ist das, was wir bestenfalls erwarten können, dass wir informiert werden. Bei den Additiven ist es manchmal andersherum, da sind es oft kleine Firmen. Für die lohnt sich unter Umständen die Reach-Zertifizierung für eine gewisse Substanz nicht, und dann stellen sie die Herstellung mancher Produkte auch manchmal komplett ein. In solchen Fällen gibt es oft keinen Ersatz dafür, fertig.

Freudenberg hat sehr hohe Sicherheitsstandards, wir gehen da weit über die gesetzlichen Vorschriften hinaus. Auch das treibt Innovationen. Bild: fluid

Dr. Kristian Müller-Niehuus, Freudenberg Sealing Technologies

Aber nun konkret und abseits der erzwungenen Anpassungen: Welche Innovationen gibt es am Dichtungsmarkt?

Dr. Kristian Müller-Niehuus: Das ist von Markt zu Markt unterschiedlich. Ich würde sagen, ein großer Trend und Treiber ist letztendlich alles, was mit Energie und Energieeinsparung zu tun hat. Sei es in der Energieerzeugung über Windkraftanlagen oder Wasserkraftwerke, wo die Technik dafür sorgen muss, dass die gewünschten Laufzeiten von 20 Jahren und mehr zu erreichen sind, oder im Bereich der Energieeffizienz, wo die Dichtung dazu beiträgt, Reibung und Verluste zu reduzieren. Das ist sicherlich ein Feld, in dem aktuell Entwicklungssprünge noch sehr gut möglich sind.

Gonzalo Barillas: Einen großen Sprung haben wir zum Beispiel mit der Vorstellung des neuen Polyurethan-Werkstoffs 94 AU 30000 gemacht. Diese neue Polyurethan-Generation ist ein Werkstoff, der nicht das normale Einsatzfenster verschoben hat, sondern das Anwendungsfenster wirklich verbreitert und vergrößert hat. Das ist wirklich innovativ, die Hydrolysebeständigkeit ist besser, der Temperatureinsatzbereich ist breiter geworden, das Material hat bessere mechanische Eigenschaften, die sich in einer höheren Extrusionsfestigkeit und Lebensdauer bemerkbar machen. Das findet derzeit vor allem im amerikanischen Markt einen sehr großen Anklang. Das hat sicherlich auch mit der Kultur der Unternehmen zu tun. Hier in Europa sind die Hydraulikkunden in der Regel sehr konservativ, in den USA heißt es schneller mal „Oh, something new! Great, I‘ll take it!“. Aber das Material kann auch wirlich mehr. Es bietet eine große Erweiterung des Anwendungsspektrums, das ist eine echte Innovation.

Materialabkündigungen sind ein Problem.Wir haben sehr viel Aufwand damit, Alternativrezepturen bereit zu halten oder ständig neu zu entwickeln. Bild: fluid

Gonzalo Barillas, Freudenberg Sealing Technologies

Wie werden Ihre Neuentwicklungen im Markt generell angenommen? Achtet der Markt auf Qualität?

Gonzalo Barillas: Nun, wir haben schon einen recht starken Wettbewerb von, ich sage jetzt mal, einfachen Dichtungsherstellern. Die machen zum Teil sehr aggressives Marketing, und für einen einfachen Anwendungsbereich sind diese Dichtungen gerade so ausreichend. Es ist dann eben ein Good-Enough-Artikel. Aber wenn man diese einfachen und billigen Dichtungen tatsächlich einmal nach den im Katalog angegebenen Werten testet, dann halten sie oft nicht wirklich viel. Wir haben mit Dichtungen unterschiedlicher europäischer Hersteller Tests durchgeführt und haben enorme Qualitätsunterschiede zu unseren Produkten festgestellt. Unsere Freigabekriterien liegen bei mindestens 50.000 Zyklen, die Produkte mancher europäischer Wettbewerber haben nicht mal 40 Zyklen gehalten, andere waren bereits nach 100 bis 1000 Zyklen kaputt. Da gibt es große Unterschiede.

Dr. Kristian Müller-Niehuus: Im statischen Einsatz sind solche Unterschiede meist auch gar nicht sofort auffällig. Wenn ich eine Dichtstelle zuschraube und lasse sie über Jahre unberührt, kann das schon eine Zeitlang funktionieren. Und auch für manche dynamische Anwendung tut es vielleicht eine einfache Dichtung. Wenn Sie einen simplen hydraulischen Wagenheber ansehen, der wird vielleicht so um die 200 oder 500 Mal betätigt, da kann das reichen. Aber nicht in einem Bagger, der mehrere 100.000 Euro kostet und der dann letztendlich auch noch ohne Unterbrechung funktionieren soll.

Gonzalo Barillas: An solchen Beispielen sieht man, weshalb unsere Dichtungen vermeintlich ein bisschen teurer sind. Manche Einkäufer sehen aber nur denselben Werkstoff, dieselbe Farbe, dieselben Abmessungen, und schließen daraus auf die Qualität. Aber so einfach ist es nicht. Auf die Lebensdauer gerechnet sind die billigen Dichtungen oft teurer und erhöhen das Ausfallrisiko für den Anwender.

 

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