Rainer Janz

Rainer Janz, Bereichsleiter Produkt- und Qualitätsmanagement bei der Hermann Bantleon GmbH.

Bio-Hydrauliköle gibt es viele. Alle haben ihre Vor- und Nachteile und wer die Wahl hat, hat die Qual. Um etwas Licht in die Sache zu bekommen, hat fluid zwei ausgewiesene Experten befragt und um ihre Meinung gebeten. Eines vorab: aufschlussreich allemal.  

fluid: Wie die Marktumfrage Bio-Hydrauliköle zeigt, werden für diese Klassifizierung ganz unterschiedliche  Normen und  Gütesigel herangezogen.  Das kann ganz schön verwirrend sein. Wird es nicht Zeit, den Normen- und  Label-Wildwuchs einzudämmen? 

Rainer Janz: Man muss bei Kennzeichnungen/Auslobungen unterscheiden zwischen Biolabeln, Prüfmethoden zur biologischen Abbaubarkeit und Angaben zum Leistungsniveau. Es gibt zahlreiche Prüfverfahren zur Messung der biologischen Abbaubarkeit. Letztlich muss der Ölhersteller entscheiden, was für die jeweilige Grundöltechnologie sinnvoll ist, schließlich sollen die Ergebnisse valide und mit hoher Präzision gesichert sein. Der oftmals zitierte OECD 301B verfügt beispielsweise über keinerlei Präzisionsangaben für Schmierstoffe. Das Problem beschäftigt diverse Normungsgremien bei verschiedenen Abbautesten. Klassische Ökolabels legen den Schwerpunkt auf die biologische Abbaubarkeit. Technische Aspekte kommen zu kurz, was oftmals zu den bekannten Feldproblemen von Bioölen führt. Leistungsstandards wie beispielsweise die Dekra-PSR beinhalten einerseits ökologische Aspekte, andererseits technische Anforderungen wie Bauteilverträglichkeit oder Alterungsstabilität. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie der Hochschule Neu-Ulm hat deutlich gezeigt, dass diese Art der Produktverifizierung den aktuellen Marktanforderungen sehr nahe kommt.

Milorad KrstiÄ: Diese Entscheidung kann nicht ein einzelner Hersteller beziehungsweise Anbieter von Bio-Hydraulikölen treffen. Tatsache ist jedoch – und damit haben Sie absolut Recht – dass eine Vielzahl von Methoden verwirren kann. Wir kennen es alle vom Straßenverkehr: Keine Verkehrsschilder ist sicher ein Problem, zu viele Schilder ist ein noch größeres Problem. Reflektiert auf die Bio-Hydrauliköle muss ich leider feststellen, dass die Initiative der Verwirrung von zwei Anbietern in Deutschland beziehungsweise einem einzigen Mineralölhändler ausgeht. Erst werden krampfhaft Methoden zitiert, die längst veraltet sind (CEC-L-33-A-93) und danach wird im fließenden Übergang von einer neuen CEC-Methode gesprochen, obwohl es sich in beiden Fällen um den (unzureichenden) Test des primären Abbaus handelt. Bio-Hydrauliköle müssen die Mindestanforderungen aus DIN ISO 15380 erfüllen und wenn das nicht der Fall ist, stellen sie per se meiner Meinung nach eine Mogelpackung dar.

fluid: Könnte man demnach sagen, Bio Hydrauliköle mit dem Blauen Engel oder der Euroblume sind, was Umweltverträglichkeit angeht, besonders zu empfehlen? 

Rainer Janz: Diese Frage kann klar mit nein beantwortet werden. Derartige Ökolabels haben unter anderem den Sinn, den Absatz des Produkts zu unterstützen. In diesen Vergaberichtlinien werden aus unserer Sicht wichtige Umweltaspekte gar nicht beleuchtet, wie beispielsweise die pflanzenwachstumshemmende Wirkung der Öle. Die Prüfung von biologisch abbaubaren Schmierstoffen auf Flora und Fauna werden in den einschlägigen Normen und Standards, beziehungsweise Vergabegrundlagen Umweltlabel nicht eingefordert. Und das, obwohl der Anwender hier laut Umweltschadensgesetz voll umfänglich haftet. Speziell im Wald-und Agrarbereich wären das sehr wichtige Grundfragen. Weiterhin beschäftigen sich Biologen auch mit der Frage des zu schnellen biologischen Abbaus, was zu massivem Sauerstoffentzug in der Umgebung führen kann. Es muss ein deutlicher Unterschied in der Betrachtungsweise Verlustschmierung versus Leckage erfolgen. Zudem werden hier Prüfmethoden herangezogen, die für Einzelsubstanzen/Chemikalien, nicht aber für Fertigprodukte/Gemische entwickelt wurden.

Milorad KrstiÄ: Die Umweltzeichen, ob Blauer Engel in Deutschland, Euromargerite auf europäischer Ebene oder zahlreiche nationale Umweltzeichen, sind allesamt mit dem Ziel geschaffen worden, dem Anwender die Beurteilung der ausgelobten Umweltverträglichkeit zu erleichtern. Nach meiner Wahrnehmung möchten die Kunden, die Bio-Hydrauliköle einsetzen, einfache Entscheidungshilfen – das sind Umweltzeichen per se – und möchten nicht in unendlich philosophische Diskussionen hineingezogen werden. Ja, wenn Bio-Hydrauliköle verlangt werden, dann sind Umweltzeichen durchaus ein gutes Instrument (dafür sind sie auch da) und Produkte, die keine solchen Auszeichnungen tragen, sind aller Wahrscheinlichkeit nicht das, was ein Anwender gemeinhin unter dem Begriff Bio-Hydrauliköle erwartet. Deren Qualität darüber hinaus muss deswegen nicht in Frage gestellt sein.

fluid: Die Bioverträglichkeit wird im Labor ermittelt. Die Prüfbedingungen haben mit der Wirklichkeit des Forstbetriebes nicht viel zu. Bringen Bio-Hydrauliköle der Umwelt etwas oder sind diese nur eine Beruhigungspille? 

Rainer Janz: Die Bedingungen unterscheiden sich sehr stark voneinander. Einen großen Einfluss hat beispielsweise die Temperatur. Im Labor wird bei konstanten 20 bis 25 °C abgebaut. Im Labor findet der Abbau in Mineralsalzlösungen statt, darin sind notwendige Mineralsalze in Wasser gelöst. Bei Leckagen auf trockenem Boden findet demnach überhaupt kein Abbau statt. Problematisch ist bei den Abbautests im Labor die Herkunft der Mikroorganismen, hier kann es sehr große Schwankungen geben, je nach dem von welcher Kläranlage man Impfmaterial entnimmt. In Ringversuchen sind die Wiederholbarkeiten von solchen Abbautests deshalb sehr schlecht. So wurden für Kohlendioxid-Entwicklungs-Tests (OECD 301B) Vergleichbarkeiten von etwa 40 % ermittelt. Wenn also zwei Labore die gleiche Probe messen und  sich ihre Ergebnisse um 40 % unterscheiden, so ist das noch im normalen Schwankungsbereich der Methode. In der ISO 15380 wird rein die aquatische Toxizität und Bioabbaubarkeit gefordert. Andere Lebewesen, wie Pflanzen oder Bodenorganismen sind außen vor. Das ist weit weg jeglicher Praxis. Die Prüfmethode CEC-L-103-12 ist momentan die einzige Prüfmethode zur Messung der biologischen Abbaubarkeit von Schmierstoffen, die eine ähnliche Reproduzierbarkeit (Genauigkeit) hat, wie gewöhnliche Prüfmethoden im Schmierstofflabor.

Milorad KrstiÄ: Bei allen Prüfungen und Prüfbedingungen geht es zu allererst darum, dass eine Vergleichbarkeit  und Reproduzierbarkeit vorhanden ist. Die Testmethoden, wie sie im Labor dann explizit umgesetzt werden, sind keine Zufallsprodukte von exzentrischen Laboranten, sondern ein Ergebnis sehr langer fachlicher Abstimmung darüber, was beziehungsweise wie getestet werden soll, damit durch die gewonnenen Ergebnisse eine gewünschte wie verständliche Aussage möglich wird. In keinem Lebensbereich – Medizin mit eingeschlossen –  ist es denkbar, auf Laborüberprüfungen zu verzichten. Selbst wenn man unterstellt, dass die Testmethoden nicht in jedem Einzelfall mit höchst unterschiedlichen Verhältnisse in der Natur exakt übereinstimmen, so würde jeder Verzicht darauf direkt ins Chaos führen. Die Ergebnisse sind keine Beruhigungspillen, sondern richtig konkrete Werte.

fluid: Müssen für  Bio-Hydrauliköle bestimmte Konstruktionsregeln eingehalten werden?  Kann der Konstrukteur damit einfacher und  billiger, zum Beispiel bei der Abdichtung, konstruieren? 

Rainer Janz: Erfahrungsgemäß hängt das vielfach von den einzusetzenden Ölen ab. Für Bioöle auf Basis PAO (HEPR) sieht das Pflichtenheft der Maschinen-/Komponentenhersteller meist keinerlei Besonderheiten vor, ist also vergleichbar wie beim Einsatz von Mineralöl. Beim Einsatz von Ester-basierenden Ölen wird oftmals ein gesondertes Augenmerk auf die Elastomerverträglichkeit oder die Hydrolysestabilität (zusätzliche Filter im System) der Öle gelegt. Meist kommen hier kostenintensive Sonderelastomere zum Einsatz. Hier sollte vor allem darauf geachtet werden, dass nicht nur die Schlauchseele, sondern auch die Außenhaut eine entsprechende Resistenz aufweist. Leckagen oder Undichtigkeiten können sonst zu Materialangriffen und schließlich zu Materialversagen führen. Die Hydrolyse- Problematik hat in der Regel einen hohen Pflegeaufwand im Service zu Folge.

Milorad KrstiÄ: Grundsätzlich gilt, dass ein Konstrukteur seine Maschine nicht um ein bestimmtes Öl herum konstruieren soll. Bio-Hydrauliköle sind seit nun fast 30 Jahren im Markt und im Zusammenhang mit Komponenten inklusive Abdichtungen sind mir keine unlösbaren Probleme bekannt beziehungsweise ganz sicher gibt es keine, die auch nicht mit Medien vorkommen (können), die nicht biologisch abbaubar sind.

fluid: In der Marktübersicht wurde auch die Mineralölmischbarkeit abgefragt. Wie verhält es sich aber mit der Mischbarkeit der Bio-Hydrauliköle untereinander? Und wie kann der Konstrukteur sicher sein, dass bei einer Mischung auch sein Leistungsspektrum  noch erfüllt wird?  Oder sollte der Konstrukteur die Mischbarkeit in der Maschinendokumentation generell untersagen? 

Rainer Janz: Auch hier muss unterschieden werden, welche Basisflüssigkeit dem Bioöl zu Grunde liegt. Die Mischbarkeit mit Mineralöl verhält sich bei HEPR-Flüssigkeiten wie bei Mineralölen untereinander. Das ist in der Praxis sicher ein Vorteil, denn Umölungen können problemloser durchgeführt werden. Hier kann zudem das Spülöl oftmals als Mineralöl weiterverwendet werden und Kosten eingespart und ein zusätzlicher Umweltnutzen erzielt werden.  Vermischungen unterschiedlicher Bioöle sollten grundsätzlich vermieden werden. Einerseits auf Grund der mangelnden Verträglichkeit, andererseits erhält man ein nicht spezifiziertes Gemisch. Bio plus Bio ist in diesem Fall nicht gleich Bio. Immer mehr Hersteller gehen dazu über, das Thema Schmierstoff bereits in der Entwicklungsphase als klassisches Konstruktionselement einzubeziehen. Die Öle finden sich dann in der Servicedokumentation, oftmals als Originalersatzteil mit entsprechender Garantie- und Gewährleistung wieder. Wir arbeiten so mit zahlreichen Herstellern im System zusammen. 

Milorad KrstiÄ: Die Vermischungen von unterschiedlichen Ölqualitäten untereinander führt sehr selten zum Vorteil. Wann auch immer möglich, ist das zu vermeiden. Heutzutage können die angebotene Bio-Hydrauliköle sicher unter Vorbehalt sowohl untereinander als auch mit Mineralölen vermischt werden, ohne dass dadurch unmittelbare Schäden entstehen. Wenn aber zwei Öle miteinander gemischt werden, dann spricht man sinnigerweise von einem dritten Produkt und seine Eigenschaften sowie Leistungsspektrum kennt kaum jemand. Ja, die Konstrukteure sind gut beraten den überambitionierten Vermischungsfreigaben skeptisch gegenüber zu stehen.

fluid: Besteht bei einem Gütesiegel wie Blauer Engel oder Euroblume nicht die Gefahr, dass die Innovation gebremst wird und man die eine oder andere umweltschonende Verbesserung so nicht umsetzt? Die Gütesiegel kosten ja richtig Geld. 

Rainer Janz: In der Tat. Das ist die traurige Realität. Die Vergabegrundlage Blauer Engel (RAL-ZU-79) feiert nächstes Jahr den zehnten Jahrestag. Nachhaltigkeit ist sehr mit Innovation verknüpft, deshalb ist es essentiell, dass sich  Normen, Standards und Vergaberichtlinien dynamisch mitentwickeln. Als Innovationsbremse wirken diese, wenn die Anpassung zeitlich weit hinter neuen technischen Entwicklungen oder Erkenntnisse herhinkt. Oft ist es auch dann der Fall, wenn sich bestimmte Interessenskreise hinter bestehenden überholten Normen und Standards einmauern und Veränderungen verhindern. Die Siegelgeber lassen sich die Siegelnutzung natürlich bezahlen.

Milorad KrstiÄ: Ich habe solche unsinnigen Behauptungen in den letzten Jahren mehrfach gehört. Es ist aber ein blanker Unsinn, sowohl dass die Gütesiegel Innovationen bremsen, noch dass sie die betreffenden Produkte wahrnehmbar verteuern. Witzigerweise ist es eher umgekehrt der Fall. Viele Hersteller mussten sich erst innovativ entwicklungstechnisch ins Zeug legen, um leistungsfähige Produkte mit beispielsweise Blauen Engel zu entwickeln und mit diesem oder ähnlichen Gütesiegel lassen sich höhere Mengen verkaufen, was die Produkte per se nicht verteuert, sondert verbilligt.

fluid: Der Blaue Engel  wird von der RAL vergeben, ist also eine deutsche Erfindung. Was machen nun exportorientierte Firmen? Reicht das Label auch hierfür aus, gibt es eine übergeordnete, also international gültige Regel für Bio-Hydrauliköle oder müssen länderspezifische Zertifizierungen gesucht werden? 

Rainer Janz: Das Label ist freiwillig und Hersteller müssen für sich selbst entscheiden, ob relevante  Produkte mit dem Blauen Engel ausgelobt werden sollen oder nicht. Das ist auch eine Frage der Kommunikationsphilosophie des betreffenden Unternehmens. Innerhalb Europas ist der Blaue Engel sicher bekannt, schon allein aus anderen Produktbereichen. Eine genaue Definition des Begriffs Bioöl gibt es bis heute nicht. Fest steht jedoch, dass Bioöle ungiftig und biologisch abbaubar sein sollen. Die Wassergefährdungsklasse darf bei ≤1 liegen. Als Inverkehrbringer haben wir die Verpflichtung, relevante Produktinformationen wie beispielsweise die biologische Abbaubarkeit mittels Datenblatt anzuzeigen. Auch ein Produktzertifikat wie häufig im Forstbereich gefordert, unterstützt den Anwender. Die Dekra-PSR werden meiner Meinung nach über die global agierende Dekra-Organisation zukünftig internationalen Status erlangen. 

Milorad KrstiÄ:   Wenn Sie von einer international gültigen Regel sprechen, dann zielen Sie möglicherweise auf das Vorhandensein der Normen ab. Diese gibt es selbstredend und zwar die bereits vorzitierte DIN ISO 15380. Darüber hinaus, ob Blauer Engel oder welche Umweltzeichen auch immer, bedienen sie sich am besten bei denjenigen Herstellern, die das für sich und ihr Produkt für sinnvoll erachten. Wenn wir beim Blauen Engel von RAL sprechen,  kann allerdings festgehalten werden, dass dieses Gütesiegel sehr hohes internationales Ansehen genießt und wir tun gut daran, unser Licht nicht allzu voreilig unter den Scheffel zu stellen und es klein zu reden. Auffallend ist, dass die Gegner vom Blauen Engel und anderen Umweltzeichen ihre Meinung diesbezüglich nicht zufällig bilden, sondern sie deswegen äußern, weil sie Produkte anbieten, die aufgrund ihrer Zusammensetzung mit solchen Siegel nicht ausgezeichnet werden können, weil sie eben nicht oder unzureichend biologisch abbaubar sind.

Autor: Helmut Winkler, Technik & Marketing München