Christian Kienzle

Auf der Mitgliederversammlung des VDMA-Fachverbandes Fluidtechnik im September 2014 wurde Christian Kienzle, Geschäftsführer von Argo-Hytos, als Vorsitzender in seinem Amt für weitere drei Jahre bestätigt. Bild: Argo-Hytos

Im vergangenen Herbst wurde Christian Kienzle als Vorsitzender des Fachverbandes Fluidtechnik wiedergewählt. fluid sprach mit ihm über seine Sicht auf die Fluidbranche sowie über die Zukunftsaussichten von Hydraulik und Pneumatik.fluid: Herr Kienzle, wie kommen Sie überhaupt zur Fluidtechnik?
Ganz einfach, über mein Unternehmen. Ich bin ein Familienunternehmer, und das mittlerweile in der fünften Generation. Mein Urgroßvater hat Uhren gebaut im Schwarzwald. Mein Großvater hat sich von diesem Uhrenunternehmen abgewendet und dann ein Apparateunternehmen für Taxameter und Fahrtenschreiber aufgebaut. Später hat mein Vater dann das Thema Datentechnik, alles rund um Rechenwerke, produziert. Wir hatten das Unternehmen dann 1982 an den Mannesmann-Konzern verkauft. Da gab es allerdings noch einen kleinen Restbestand – eben die Firma Argo. Und die habe ich dann nach meinem Studium der Betriebswirtschaft in St. Gallen und Jura in Freiburg nach dreijähriger Tätigkeit als Assistenz der Geschäftsleitung eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens übernommen. Und aufgebaut. Damals hatten wir etwa 300 Leute, heute sind wir 1300 Mitarbeiter weltweit. Wir machen von Beginn an Filtertechnik, später kam dann die Ventiltechnik dazu. Der dritte Bereich ist heute die Sensorik.

fluid: Wie kamen Sie von Filtern und Ventilen zur Sensorik?
Naja, die Menschen haben uns manchmal gar nicht geglaubt, dass wir Filter fertigen können, die einen bestimmten Reinheitsgrad des Öls erhalten können. Wir wollten also glaubhaft darlegen, dass ein Filterelement auch wirklich filtern kann. Entsprechend sind wir in die Partikelzählung eingestiegen. Später haben wir dann Sensoren gebaut, die sich mit der Ölalterung beschäftigen. Denn wenn wir so gute Filter bauen und so extreme Ölreinheiten erzielen, dann kann das dem Nutzer ja suggerieren, dass er sein Öl ewig benutzen kann. Deswegen mussten wir auch eine Möglichkeit finden, ihn zu warnen, wenn das Öl alterungsbedingt seine Aufgabe nicht mehr erledigen kann.

fluid: Sensorik klingt ja schon nach Industrie 4.0. Ist dieses Buzzword auch bei Ihnen im VDMA, im Fachverband Fluidtechnik ein Thema?
Klar. Das ist ein sehr, sehr entscheidendes Thema, auch für uns. Wie stellt sich unsere Branche dem Konzept Industrie 4.0 als Zulieferindustrie? Bei der Systemauslegung wird die Sensorik als Daten­ermittler und die Elektronik als Grundlage für die Festlegung von Algorithmen in den Steuerungen der Systeme eine immer wichtigere Rolle in Pneumatik und Hydraulik spielen. Wir werden Daten ermitteln, um Systeme zu steuern oder diese sich sogar selbst steuern zu lassen. Wir wollen ständig über die Funktionsweise von Komponenten und Systemen informiert sein. Es geht darum, als Fluid-Technologie zukunftsfähig zu bleiben, aber darüber hinaus auch darum, unsere Industrie als attraktive Industrie darzustellen.

fluid: Warum das?
Das ist sehr wichtig, weil es auch um das Thema Nachwuchs geht. Wir wollen versuchen, nicht nur die Kontakte zu den Universitäten zu pflegen und weiter auszubauen. Wir wollen auch die entsprechenden Fachhochschulen stärker ansprechen, die vielleicht in der letzten Zeit ein bisschen vernachlässigt worden sind. Es ist mir wichtig, dass wir unsere Industrie als eine attraktive Industrie darstellen können. Manche Leute sagen, die Industrie soll für die jungen Leute „sexy“ sein. Und da haben wir manchmal schon ein bisschen Probleme, das in der klassischen alten Hydraulik darzustellen.

„In Teilen der Hydraulik haben wir wirklich ungünstige Zeiten im Moment. Aber diese Zyklik ist für uns normal, und die deutsche Fluidtechnik ist innovativ und kommt in neue Projekte hinein.“ Christian Kienzle, Argo-Hytos und Fachverband Fluidtechnik

fluid: Was macht der Fachverband Fluidtechnik in diesem Bereich?
Ganz wesentlich ist es, den Forschungsfonds Fluidtechnik weiter auszubauen. Das war schon, als ich zum ersten Mal gewählt wurde, mein Hauptziel. Ich glaube, da haben wir sehr, sehr gute Arbeit geleistet. Der Forschungsfonds ist mittlerweile fast selbsttragend, und es ist einfach schön zu sehen, wie mittlerweile die vielen Projekte an den verschiedenen Universitäten untergebracht werden können. Damit geben wir den Instituten an unseren Universitäten die Möglichkeit, attraktive Bedingungen zu haben. Studenten und Doktoranten können in ihren Instituten an bestimmten Projekten in vorwettbewerblicher Forschung arbeiten und dabei sehen, wie die fluidtechnischen Komponenten in Systeme gehen und wie diese Systeme dann in kompletten Maschinen wirken – sowohl in der Mobilhydraulik als auch in der Stationärhydraulik.

fluid: Was sehen Sie denn als Zukunftsfeld für die Hydraulik?
Die Hybridisierung. Das klingt ein wenig verwerflich für einen Vorsitzenden der Fluidtechnik. Wir sehen eben, dass die Fluidtechnik ihre Stärken hat, aber auch ihre Kanten – wie übrigens andere Technologien auch. Die Fluidtechnik wird in Zeiten von Industrie 4.0 in veränderter Form eine wichtige Rolle spielen. Und darauf müssen wir uns rechtzeitig einstellen. Also sollten wir die Hybridtechnologien aktiv begleiten und interessant machen.

fluid: Lassen Sie uns einen Blick auf die Fluidbranche insgesamt werfen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?
Es ist auf jeden Fall zwiespältig. Auf der einen Seite haben wir die Pneumatik, der es momentan sehr gut geht, die in 2014 mit rund neun Prozent gewachsen ist. Es wird offensichtlich investiert in den Unternehmen, hauptsächlich in die Automatisierung, was dem Gedanken der Industrie 4.0 ja durchaus entspricht. Die Hydraulik dagegen hat Absatzmärkte, die momentan gar nicht gut aussehen. Da sind die deflatorischen Effekte, die wir im Rohstoffbereich haben. Es werden Minen geschlossen, um die Preise zu halten. Öl ist derzeit auch sehr preiswert und animiert nicht unbedingt, noch weitere Ölbohrinseln aufzubauen. China ist im Tunnelbau, Mining oder Baugewerbe nicht mehr so stark, es herrscht dort eine massive Überkapazität bei den Baumaschinen-Herstellern. Da kann man nicht sehr viel erwarten, auch wenn die chinesische Regierung jetzt die Zinsen gesenkt hat und neue Großprojekte starten möchte.

fluid: Wie sieht es denn in der Landtechnik aus?
Wir haben durch die guten Ernten niedrige Preise in der Landwirtschaft, was dazu führt, dass Erntemaschinen und Traktoren nicht so gefragt sind. Darüber hinaus haben wir in der Ukraine einen Konflikt in einem sehr stark agrar-orientierten Gebiet. In der Vergangenheit sind sehr viele Gebrauchtmaschinen in diese Märkte geflossen. Neue Traktoren werden aber nicht mehr gekauft, wenn die alten nicht verkauft werden können. Von der Seite her haben wir wirklich ungünstige Zeiten im Moment.
Aber die deutsche Fluidtechnik ist immer innovativ und kommt in neue Projekte hinein. Außerdem läuft der amerikanische Markt glücklicherweise relativ gut. Daher bin ich persönlich der Meinung, dass das Wachstum der Hydraulik 2015 irgendwo um den Null-Punkt herum pendeln wird.

Hintergrundinformation

Fachverband Fluidtechnik im VDMA
Der Fachverband Fluidtechnik vertritt die Interessen von rund 190 Mitgliedsunternehmen aus den Bereichen Hydraulik, Pneumatik und Dichtungstechnik. Der Repräsentationsgrad liegt nach Verbandsangaben bei über 85 %, bezogen auf den Markt in Deutschland. Der Fachverband informiert seine Mitglieder über alle Themen rund um die Fluidtechnik. Das Spektrum reicht von Messen, Statistiken, über Normungsarbeit, technische Interessenvertretung bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit für die Branche. Die Gemeinschaftsforschung findet im Forschungsfonds Fluidtechnik statt. Zur internationalen Zusammenarbeit betreut der Fachverband den europäischen Branchenverband CETOP.
Kontakt  http://fluid.vdma.org/  –  Hannover Messe Halle 24 / B39

fluid: Sie sind ja zum einen Unternehmer, zum anderen Verbandsvorstand. Wie starkt beansprucht Sie die Arbeit im Fachverband?
Vor den Mitgliedsversammlungen ist es natürlich ein erheblicher Zeitaufwand, alles zu organisieren. Wir haben viermal im Jahr Vorstandssitzungen, die vorbereitet werden müssen. Ich bin darüber hinaus auch noch im engeren Vorstand des VDMA. In der Summe würde ich sagen, die VDMA-Arbeit nimmt im Schnitt sicher einen Tag im Monat ein. Als VDMA-Vorstand bin ich zudem noch bei der Deutschen Messe im Aussteller-Beirat und MDA-Präsidium, da kommen nochmal einige Tage im Jahr dazu. Plus dann eben die Messen und die entsprechenden Veranstaltungen um die Messen herum. Aber da ich dort ohnehin auch für meine Firma bin, ist das eine Arbeit, die man nebenbei mitnehmen kann. Auf der anderen Seite, es macht ja auch viel Spaß. Wir sind einer der größeren Fachverbände, wir repräsentieren immerhin rund sieben Milliarden Euro Umsatz. Wir haben einen sehr guten Mix an Vorständen im Fachverband, Großunternehmen, kleine Unternehmen. Wir haben zwei Frauen im Vorstand und neuerdings zum ersten Mal eine Vertreterin der Sensorik – wir nehmen Industrie 4.0 also auch hier ernst. Die Arbeit macht Spaß und befruchtet auch. Das ist doch schon mal was wert, oder?

Das Gespräch führte Wolfgang Kräußlich, Leitender Chefredakteur