Großanlagenbau

Der im VDMA organisierte Großanlagenbau reagiert auf die aktuellen Herausforderungen umfassend. Branchenweite Trends sind der Ausbau der internationalen Präsenz, die Erweiterung des Serviceportfolios und Schritte zur Kostensenkung.Bild: SMS group

Im Einsatz von Industrie-4.0-Technologien sieht der Großanlagenbau einen wichtigen Hebel, um die Effizienz der Prozesse zu steigern“, sagt Dr. Rainer Hauenschild. Der Sprecher der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) und CEO Energy Solutions bei Siemens erwartet einen „tiefen Umbruch“, der auf die Unternehmen der Branche zukommt: Es werden „sehr starke Veränderungen“ sein. Deshalb erscheint die Notwendigkeit besonders hoch, sich auf Industrie 4.0 vorzubereiten. Denn das Thema wird alle betreffen, betont Hauenschild. Allerdings habe sich die Prozessindustrie bisher eher zurückgehalten, das Thema Industrie 4.0 anzupacken.

Die Gemeinschaftsstudie „Industrie 4.0 im Industrie- und Anlagenbau – Revolution oder Evolution“ von AGAB und dem Düsseldorfer Beratungsunternehmen maexpartners „ist für den Großanlagenbau aussagekräftig“, erklärt VDMA-Referent Klaus Gottwald, der VDMA wolle „das Bewusstsein wecken, um die Unternehmen zu aktivieren.“ 43 der 120 befragten Unternehmen haben an der Studie teilgenommen. Neben dem Großanlagenbau (Projektvolumen ab 25 Millionen Euro) wurden auch der Industrieanlagenbau (Projektvolumen bis 25 Millionen Euro) und Anlagenbetreiber gefragt. Die Mitgliedsfirmen der AGAB verbuchten 2014 in Deutschland Bestellungen in Höhe von 19,6 Milliarden Euro, sieben Prozent weniger als im Vorjahr.

Nahezu jedes Unternehmen spürt den Wettbewerbsdruck, der aus Asien, vor allem aus China und Südkorea sowie aus den USA kommt. Für 2016 erwarten nach der jüngsten Konjunkturumfrage immerhin 40 Prozent der Teilnehmer einen steigenden Auftragseingang. Die Verfasser der Studie warnen davor, das Risiko für den Anlagenbau zu unterschätzen, berichtet Dr. Sven Haverkamp, Senior-Manager bei maexpartners, „weil das Ausmaß der Entwicklung unter Umständen falsch eingeschätzt wird.“ Zwei Drittel der Befragten hoffen in den kommenden fünf Jahren auf spürbare Kostensenkungen durch den Einsatz von Industrie 4.0-Technologien im Engineering.“ Noch höher sei das Potenzial im Logistik- und Baustellenmanagement, wo sich jeweils 90 Prozent der Befragten eine größere Effizienz erhoffen. Auf der Baustelle zeige sich der Nutzen von Industrie 4.0 konkret in verbesserten Steuerungsmöglichkeiten und einer genaueren Dokumentation des Ist-Zustands.

Industrie 4.0 als Chance

Trotz aller Risiken bietet Industrie 4.0 dem Großanlagenbau erhebliches Potenzial zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, heißt es in der Studie. Die Arbeitsweise im Anlagenbau wird sich massiv verändern, beispielsweise im Engineering und durch Nutzung von Big Data sowie in der Zusammenarbeit zwischen Kunden und Lieferanten. Der Datenaustausch zwischen Anlagenbauern, Lieferanten und Betreibern wird sich deutlich intensivieren. Damit werden neben der Datensicherheit auch Haftungsfragen sowie die Frage der Eigentums- und Nutzungsrechte an den Daten in den Blickpunkt rücken. Für die explodierenden Datenflüsse sind neue Sicherheitskonzepte zu entwickeln.

Ferner wird die digitale Integration der Lieferanten nach Ansicht der Befragten weiter voranschreiten. Aus der Sicht der Studienteilnehmer wird die Mehrheit der globalen Lieferanten bis 2020 für eine digitale Zusammenarbeit jedoch noch nicht ausreichend qualifiziert sein. Dies könnte ein Wettbewerbsvorteil für Zulieferer aus Industrieländern werden, die mit ihrer technologischen Vorreiterrolle besser auf die anstehenden Veränderungen eingestellt sind als Lieferanten aus Schwellenländern. fa

Fünf Fragen an Dr. Markus Reifferscheid, Leiter Zentralbereich Entwicklung bei der SMS group

Dr. Markus Reifferscheid, SMS group
Dr. Markus Reifferscheid, SMS group

Hat der Großanlagenbau die Bedeutung der vierten industriellen Revolution erkannt?
Das Thema ist in der traditionell geprägten Branche aufgeschlagen. Erste, inhaltlich überschaubare Pilotprojekte sind abgeschlossen, weitere sind in Planung oder Umsetzung. Ein Risiko sehe ich vor allem für jene Unternehmen, die sich gar nicht damit befassen.

Wie bereitet sich SMS auf Industrie 4.0 vor?
Wir erarbeiten die Thematik in einem speziellen Team mit Unterstützung durch einen externen Partner. Der Prozess steht im Fokus der Unternehmensleitung, denn die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen werden das zukünftige Unternehmen SMS maßgeblich prägen.

Welche Auswirkungen hat die industrielle Revolution auf die Geschäftsprozesse?
Geschwindigkeit wird neben der Verlässlichkeit zunehmend ein Hauptfaktor. Anlagenhersteller haben den Vorteil, dass sie eine enge Beziehung zu ihren Kunden haben. Diesen Vorteil gilt es zu wahren, bevor sich neue digitale Marktteilnehmer etablieren. Die Entwicklung digitaler Lösungen muss allerdings für alle Parteien von Vorteil sein. Erkennt der Kunde den Mehrwert, ist er auch bereit, dafür Geld zu bezahlen.

Gas- und Dampfturbinen(GuD)-Kraftwerk
Gas- und Dampfturbinen(GuD)-Kraftwerk: Die erste Einschätzung zum Thema Industrie 4.0 im Anlagenbau liegt vor. Der Wettbewerbsdruck wird größer und zwingt die Unternehmen zu Konsequenzen. - Bild: Siemens

Welche Veränderungen erkennen Sie jetzt schon?
Wir befassen uns schon seit längerer Zeit mit dem Thema – mit großen Datenmengen gehen wir seit Jahrzehnten um. Moderne Analysensysteme werten selbst komplexe Datenbestände (Big Data) mittlerweile so schnell aus, dass sich diese digital in die Prozesssteuerung und Prozessabläufe innerhalb eines Werks zurückführen lassen.

Wie viel Zeit bleibt Ihrer Ansicht nach der Branche?
Der Anlagenbau hat wohl lediglich fünf bis acht Jahre Zeit. In dieser Periode müssen wir lernen, industrielle Informationstechnologie (IT) zu entwickeln, sonst laufen wir Gefahr, dass andere Prozessbeteiligte wie IT-Firmen, den Anlagenbau und -betrieb maßgeblich bestimmen.