Abseits des Standards, Bild: Fotolia - fotomek

Bei Pneumatikventilen gibt es viel Standard: Aber gerade abseits des Schema F wird es interessant. Bild: Fotolia - fotomek

Zunächst stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Standard? Ventile, die grundlegende pneumatische Funktionen erfüllen und sich damit nicht großartig im Markt differenzieren. Für Wolf Gerecke, Director Strategic Product Management bei Aventics, ist klar: „Jeder hat diese Einzelventile in bestimmten Durchflüssen im Programm, die bestimmte Standard-Eigenschaften bezüglich ihres Druckbereichs und weiteren Parametern aufweisen.“ Sie stellen einen großen Bereich des Marktes dar und der ist wenig ausdifferenziert – Standard überall.

Spricht man beim Thema Ventile also immer und immer wieder über die gleiche Komponente? Diese Vermutung widerlegt Wolf Gerecke: „Wir stehen vor sich ständig ändernden Marktbedingungen, die Themen wie Industrie 4.0 und Safety hervorbringen.“ Und hier liegt für ihn die Möglichkeit, sich aus einem Standardportfolio heraus vom Markt zu differenzieren, eine Möglichkeit, die eine beachtliche Bandbreite von Nicht-Standard-Lösungen entstehen lässt: „Wenn ich mir unser Portfolio einen Moment angucke, würde ich sagen, dass bei uns nur 50 bis 60 Prozent der Produkte solche sind, die man quasi als Standardpneumatik bezeichnen kann.“ Sprich: Fast die Hälfte des Geschäftes machen bei Aventics individuelle Komponenten und Lösungen aus.

Sven Desens, Leiter Produktmanagement, Fluidtechnik bei Kendrion Kuhnke. Bild: fluid
„Wir vertreiben zu über 90 Prozent Nicht-Standard-Ventile und -Ventillösungen – da geht also noch einiges! Unsere Standardprodukte dienen meist nur als Ausgangsbasis für kundenspezifische Varianten oder als Komponente von kundenspezifischen Ventilbaugruppen. Wir fokussieren mit dieser Strategie keinen Breitenmarkt, sondern suchen uns immer wieder spannende Nischen,“ so Sven Desens, Leiter Produktmanagement, Fluidtechnik bei Kendrion Kuhnke. Bild: fluid

Auch aus der Sicht von Sven Desens, Leiter Produktmanagement Fluidtechnik, Kendrion Kuhnke, sind die Standardkomponenten einfach eine Basis für kundenspezifische Varianten und Ventilbaugruppen. Diese Basis macht im Geschäft seines Unternehmenes jedoch einen geringen Anteil aus: Rund 90 Prozent sind bei Kendrion Kuhnke kundenspezifischen Lösungen. Daher auch Sven Desens’ Auffassung: „Da geht noch eine ganze Menge neben dem Standard.“ Da bei Kendrion Kuhnke der Löwenanteil kundenspezifische Lösungen sind, stellt sich die Frage, wo denn hier die Stellschrauben für Modifikationen zu finden sind. Dazu fallen Sven Desens sofort eine Menge Möglichkeiten ein: „Das fängt bei der ganz einfachen Pneumatikkomponente an sich an. Hier können wir unter anderem die Nennweite modifizieren oder die Materialien auf das Medium anpassen – denn es muss nicht immer nur Druckluft sein, es können auch Flüssigkeiten und aggressive Gase sein.“ Aber das heutzutage Ausschlaggebende seien die Vernetzung der Pneumatik mit der Elektronik und das Schaffen von Kommunikationsschnittstellen zum Ventil, erklärt er. Daher wird neben der Pneumatik auch Elektronik-Know-how benötigt. Ein Pneumatiker kennt sich nun einmal nicht automatisch mit der Elektronik aus, mit der er seine Komponenten verheiraten soll. Für Wolf Gerecke ist klar: „Ohne eine eigene Elektronikentwicklung kommt man heute als Pneumatikhersteller oder Komponentenlieferant nicht mehr klar. Die Themen wachsen einfach extrem stark zusammen.“

Das beschäftigt auch sein Unternehmen, das gerade an dem Punkt ist, zu versuchen, aus dem sehr wolkigen Begriff Industrie 4.0 konkrete Lösungen zu entwickeln. Für Wolf Gerecke eine schöne Aufgabe: „Das ist unheimlich spannend. Man hat die Möglichkeit – ich sage mal – schöpferisch tätig zu werden.“ Beim Thema Industrie 4.0 ist einfach noch Kreativität gefragt. Für ihn ein schöner Gegenpol zum Thema Safety, das für sein Unternehmen – oder besser seine Kunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau – Herausforderungen parat hält, jedoch dreht es sich hier viel um Normen, die es schlichtweg umzusetzen gilt. Für Wolf Gerecke die Pflicht neben der Kür Industrie 4.0.

Wie weit ist die Technik?

Wolf Gerecke, Director Strategic Product Management bei Aventics, Bild: fluid
„Bei den aktuellen Anforderungen des Marktes an Pneumatikventile gibt es für Aventics eine Pflicht und eine Kür zu erfüllen. Die Pflicht besteht in der Ertüchtigung des Portfolios für sicherheitsrelevante Anwendungen und die Kür in der Integration der Pneumatik in die Rahmenbedingungen von Industrie 4.0“, erklärt Wolf Gerecke, Director Strategic Product Management bei Aventics. Bild: fluid

Beide Unternehmen bieten bereits Ventiltechnik an, die auf die aktuellen Marktanforderungen abzielt und schaffen es dabei, aus dem vermeintlich Standardisierten noch etwas rauszuholen. „Auf Basis der AV-Ventileinheit arbeiten wir im Moment konkret daran – und haben auch schon diverse Module vorgestellt – dass wir die Safetyfunktion mit in die Ventileinheit nehmen“, erklärt Wolf Gerecke den Ansatz von Aventics. Und dann gibt es Themen wie Energieeffizienz oder die Verfügbarkeit von Anlagen, die sich in der Bilanz nachweisen lassen können. Bei der Ventileinheit als Industrie 4.0-Komponente von Aventics kann zum Beispiel ausgewertet werden, ob ein Stoßdämpfer an Leistungskraft verliert oder verschleißt, beziehungsweise wie sein allgemeiner Zustand ist. „So können wir aus der Zentralstelle, der Ventileinheit, für die Anlage Rückschlüsse darüber ziehen, wie ihre Achsen im Moment funktionieren.“

Und auch bei Kendrion Kuhnke hat die kundenindividuelle Konfigurierbarkeit einen Namen: Das Airboard ist eine mediendurchströmte Leiterplatte. „Der Hauptvorteil ist, dass wir hier beliebige fluidische oder auch elektronische Komponenten integrieren können. Wo notwendig, setzen wir auch fremde Komponenten ein. Und der Kunde hat letzten Endes die Möglichkeit, beliebige Formen, einen beliebigen Gestaltungsfaktor zu wählen, also was wirklich Einbaufertiges von uns zu bekommen.“ Und Lösungen findet Kendrion Kuhnke selbst für den kleinsten Einbauraum. „Das ist etwas, was man so leicht nicht überall bekommt. Da ist spezielles Know-how gefragt.“ Bei der Umsetzung einer solch hohen Variantenvielfalt helfen den Unternehmen ihre Entwicklungsprozesse. „Die müssen standardisiert sein“, so Desens. Erst dann wird ein solch breites Angebot kosteneffizient möglich.

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