Steffen Abele, Bild: Weh

Steffen Abele leitet bei dem Verbindungstechnik-Hersteller den Vertrieb. Bild: Weh

| von Dagmar Merger, Redaktion fluid

Auf der Weh-Firmenseite habe ich mehr als 100 Komponenten für die Befüllung von Brennstoffzellen-Fahrzeugen gefunden. In Deutschland gibt es aber gerade mal 80 Wasserstoff-Tankstellen, bei PKWs gibt es hier nur zwei Serienmodelle zu kaufen. Lohnt sich für eine so kleine Nische ein dermaßen umfangreiches Sortiment? Oder ist der Markt größer, als es den Anschein hat?

Steffen Abele: Wir haben uns als Unternehmen sehr früh mit der Betankung von Brennstoffzellenfahrzeugen beschäftigt und bereits 1996 für die ersten Prototypenfahrzeuge von namhaften Automobilherstellern die tankstellen- und fahrzeugseitige Betankungstechnik entwickelt.

In den Folgejahren haben wir den Grundstein für eine weltweit einheitliche Betankungsschnittstelle gelegt. Aufgrund der aktiven Vorreiterroller haben wir uns durch unsere regelmäßigen Entwicklungen in den letzten Jahren die weltweite Marktführerschaft in diesem Nischensegment gesichert und heute eine Vielzahl von Betankungskomponenten für PKWs, LKWs, Busse, Gabelstapler, Züge, Schiffe und sogar Flugzeuge in unserem Produktportfolio.

Brennstoffzellen-Fahrzeuge sind sehr teuer. Außerdem wird 98 Prozent des Wasserstoffes aus Kohlenwasserstoffen gewonnen, also aus fossilen Quellen, wodurch die Umweltbilanz kaum besser ist als beim Diesel. Trotzdem entscheiden sich ja einige Unternehmen für die Anschaffung von zum Beispiel Flurförderfahrzeugen oder Lastwagen mit Brennstoffzelle. Warum? Welche Vorteile stehen diesen Argumenten gegenüber?

Steffen Abele: Die Vorteile von mobilen Brennstoffzellenanwendungen, beispielsweise in Lastwagen oder Gabelstaplern, sind erheblich gegenüber der vielfach proklamierten Batterietechnik. Brennstoffzellenfahrzeuge haben eine vergleichbare Reichweite wie Verbrenner, die mit Diesel oder Benzin betrieben werden. Zum Beispiel können PKWs innerhalb von drei Minuten betankt werden und Reichweiten von bis zu 600 Kilometer erreichen.

Die Wasserstoffproduktion steht für den zukünftigen Individualverkehr noch am Anfang und wird heute deshalb durch bereits vorliegende Wasserstoffproduktionsverfahren, wie die Erdgasreformierung, bewerkstelligt. Investitionen in moderne Wasserstoffproduktionsanlagen, welche durch regenerativ erzeugten Strom versorgt werden, gleichen den Nachteil in der Zukunft wieder aus.

Weh Betankungskomponent, Bild: Weh
Seit 1986 beschäftigt sich Weh mit Betankungskomponenten für Wasserstoff und Erdgas. Heute werden die Produkte des Unternehmens in vielen Zapfsäulen und Fahrzeugen eingesetzt. Bild: Weh

Für wen oder für welches Einsatzszenario lohnt sich also ein Nutzfahrzeug mit Brennstoffzelle?

Steffen Abele: Nutzfahrzeuge mit Brennstoffzelle werden für den Gütertransport auf der Straße erhebliche Vorteile erbringen, auch unter Einhaltung der gesetzlichen Emissionsgrenzwerte.

Mit einem größeren Zuladungsgewicht, kurzen Betankungszeiten und großen Reichweiten erfüllen solche Fahrzeuge identische Aufgaben wie heute dieselbetriebene Nutzfahrzeuge.

In vielen Artikeln wird aktuell von der Speicherbarkeit und Transportierbarkeit von Wasserstoff gesprochen. Man könnte den Wasserstoff mittels Elektrolyse genau dann erzeugen, wenn der Strom gerade billig oder sogar umsonst ist, so die Idee. Vorausgesetzt, dass der Anteil der Erneu-erbaren Energien steigt, wäre damit die Umweltbilanz der Brennstoffzelle gerettet, überschüssiger Strom aus dem Netz abgeführt und gespeichert und nebenbei Wasserstoff günstig erzeugt. Klingt zu gut, um wahr zu sein. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Steffen Abele: Dieses Szenario wird in vielen asiatischen Ländern wie Japan oder China forciert und bereits von den Regierungen finanziell gefördert und umgesetzt. Deshalb sind wir als Unternehmen mit unseren Produkten dort auch schon sehr erfolgreich.

Die deutsche Regierung hat jahrelange Pläne von regenerativ erzeugtem Wasserstoff in großem Stile auf die lange Bank geschoben, wobei nun kürzlich endlich die Bereitschaft für die Produktion von Wasserstoff entschieden wurde.

Wir sind uns sicher, dass bis zum Jahr 2025 die notwendigen Produktionsmengen zur Verfügung stehen werden.

Wo sehen Sie für Weh in den nächsten fünf Jahren die die größten Marktchancen?

Steffen Abele: Die größten Marktchancen sehen wir vermehrt bei Nutzfahrzeugen, Bussen, Flurförderfahrzeugen und Zügen. Hierfür kann relativ einfach mit überschaubarem Aufwand eine geeignete Tankstelleninfrastruktur aufgebaut werden, um diese Fahrzeuge versorgen zu können.

Wie hat sich der Absatz dieser Komponenten bei Ihnen in den letzten Jahren entwickelt?

Steffen Abele: In den letzten fünf Jahren hat sich der Komponentenabsatz für Nutz- und Transportfahrzeuge gegenüber den herkömmlichen PKW-Anwendungen sehr positiv entwickelt. Vielfache weitere Anwendungen sind im Moment in Planung, vor allem für die schweren Nutzfahrzeuge, um auch hier die Reichweiten zu erhöhen und Betankungszeiten zu verringern.

Die größten Marktchancen sehen wir vermehrt bei Nutzfahrzeugen, Bussen, Flurförderfahrzeugen und Zügen.

Steffen Abele, Leiter Vertrieb, Weh

Was denken Sie: Ist es realistisch, dass ein relevanter Anteil der Nutzfahrzeuge in absehbarer Zukunft mit Brennstoffzelle ausgerüstet sein wird? Oder bleibt die Wasserstoff-Technologie ein Nischen-Phänomen?

Steffen Abele: Im Vergleich zu vor ein paar Jahren, gehen wir heute fest von einem real wachsenden Anteil der Nutzfahrzeuge mit Brennstoffzelle aus. Alle Zeichen stehen so gut wie noch nie. Wenn die deutsche Regierung ihre notwendigen Versprechen wahrmacht und beibehält und die Wasserstoffproduktion erheblich ausbaut, so wird das Brennstoffzellenfahrzeug sicherlich aus der Nische herauskommen.

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