Das Rotorblatt einer Windkraftanlage wird installiert, Bild: Windwärts Energie / Mark Mühlhaus

Bisher trotzt die Branche allem Gegenwind. Ob EEG-Novellierung oder Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen, Windkraft boomt. Bild: Windwärts Energie / Mark Mühlhaus

Im Grunde kennt die Windkraft in Deutschland nur eine Richtung: aufwärts. Bestätigt wird dieser Eindruck durch die Zahlen aktueller Marktanalysen. „Die meisten Hersteller und Zulieferer berichten von überwiegend ein- bis zweistelligen Umsatzzuwächsen und einer guten bis sehr guten Auftragslage“, erklärt Matthias Zelinger, Geschäftsführer des Fachverbands Power Systems und energiepolitischer Sprecher des VDMA. Die Situation sei darüber hinaus geprägt von Konsolidierungsmaßnahmen, Unternehmenszukäufen und neuen Standorten sowie einer nach wie vor positiven Personalentwicklung.

Onshore: Elf Prozent Zuwachs im ersten Halbjahr

Matthias Zelinger, Bild: VDMA
Matthias Zelinger, Fachverband Power Systems beim VDMA: "Die Hersteller und Zulieferer berichten von ein- bis zweistelligen Umsatzzuwächsen und einer guten bis sehr guten Auftragslage." Bild: VDMA

Das Beratungsunternehmen Deutsche Windguard untersuchte im Auftrag der Branchenverbände Bundesverband Windenergie (BWE) und Power Systems im VDMA den deutschen Onshore-Markt. Danach wurden im ersten Halbjahr 2017 in Deutschland 790 Windenergieanlagen an Land mit einer Gesamtleistung von 2.281 MW gebaut (plus elf Prozent). Abzüglich 146 abgebauter Windenergieanlagen mit einer Leistung von 167 MW ergibt das ein Nettozubau von 644 Windenergieanlagen mit 2.114 MW. Aktuell erzeugen 27.914 Windenergieanlagen Energie. Für das Gesamtjahr 2017 erwarten die Verbände ein Bruttovolumen von rund 5.000 MW für Windenergie an Land.

Das bedeutet, das vierte starke Jahr in Folge, trotz Wechsel von der staatlich garantierten Einspeisevergütung zum wettbewerblichen Ausschreibungsverfahren. Die erste Ausschreibungsrunde lief erfolgreich, Wermutstropfen ist allerdings die Unsicherheit dieser und voraussichtlich auch der zweiten Runde, deren Ergebnisse zur Husum Wind veröffentlicht werden. Zuschläge erhielten nämlich fast nur Projekte ohne Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG). Zelinger sieht deshalb Risiken bei der Realisierung. Den Unternehmen gehe damit die für Industrieunternehmen unerlässliche Planungssicherheit verloren, was sich bereits in aktuell zögerlicheren Auftragseingängen abzeichne. Die zwei ersten Runden 2018 machen deshalb eine BImSchG-Genehmigung zur Bedingung.

Dr. Stephan Barth, ForWind, Bild: ForWind
Dr. Stephan Barth, ForWind: "Die in Windanlagen anfallenden Daten sind ein Schatz, der bisher kaum gehoben wurde." Bild: ForWind

Das fordern die Verbände grundsätzlich für alle zukünftigen Ausschreibungsrunden für Windenergie an Land, um die Zahl der realisierten Projekte nicht zu stark absinken zu lassen. „Nicht realisierte Volumen müssen erneut zur Ausschreibung kommen, um auf dem Ausbaupfad zu bleiben“, verlangt Andreas von Bobart, stellvertretender Vorsitzender VDMA Power Systems. „Nach der Ausschreibung steht auch fest, dass Kostendebatten anders geführt werden können. Es geht heute darum, die Chancen, die Digitalisierung und der Einsatz Erneuerbarer Energien für Mobilität, Wärme und Industrie mit sich bringen, zu nutzen“, ergänzt Hermann Albers, Präsident des BWE.

Offshore: Ausbau zieht 2017 wieder an

Klaus Övermöhle, Övermöhle Consult & Marketing, Bild: Övermöhle Consult & Marketing
Klaus Övermöhle ist als Consultant in der Windbranche tätig: "Wir erwarten die ersten Null-Cent-Gebote für Windenergie an Land im Netzausbaugebiet spätestens im nächsten Jahr." Bild: Övermöhle Consult & Marketing

Aufwärts geht’s auch vor den deutschen Küsten. Nach einem durch netzbedingte Nachholeffekte hervorgerufenen, Rekordzubau von 2370 MW in 2015 wurden 2016 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Gesamtkapazität von knapp 820 MW ans Netz angeschlossen (2014: 400 MW, 2013: 400 MW, 2011: 48 MW, 2010: 60 MW). In den ersten sechs Monaten des Jahres 2017 sind rund 110 Windenergieanlagen mit einer Leistung von etwa 630 MW ans Netz gegangen. Damit waren Mitte 2017 insgesamt 1.055 Anlagen mit einer Leistung von 4.749 MW am Netz. Für das laufende Jahr erwartet man eine neue Offshore-Leistung von etwa 900 MW – ein Plus von zehn Prozent. Offshore-Windenergie erzeugte im ersten Halbjahr 2017 übrigens bereits 8.480 GWh Strom – rund 70 Prozent der gesamten Vorjahresarbeit.

Bei der ersten Ausschreibungsrunde erhielten erstmals Projekte den Zuschlag, die ab Mitte der 2020er Jahre ohne EEG-Förderung auskommen wollen. Für Zelinger ein Meilenstein: „Betreiber und Investoren haben Vertrauen in die Innovationskraft und Kostensenkungspläne der Offshore-Industrie und erwarten offensichtlich auch eine Refinanzierung aus einem starken Strommarkt.“ Neue zuverlässige und leistungsstärkere Anlagen mit größerem Rotordurchmesser, insgesamt größere Windparkprojekte, Innovationen bei Gründungsstrukturen, bessere Betriebs- und Wartungskonzepte sowie günstigere Finanzierungskonditionen führen zu einer deutlichen Senkung der Stromgestehungskosten. Dies eröffne auch die Möglichkeit, die Ausbauziele auf mindestens 20 GW bis 2030 und mindestens 30 GW bis 2035 anzuheben. Etwas weniger optimistisch ist Klaus Övermöhle, Geschäftsführer von Övermöhle Consult & Marketing. Zwar erwartet er in 2018 noch einen Zubau von etwa 4.000 bis 5.000 MW, „danach geht es allerdings steil bergab und der Markt bricht ein; diese Marktkonsolidierung wird nach unserer Einschätzung bis 2020/2022 anhalten, wenn die Atomkraftwerke und einige alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen.“ Verantwortlich hierfür sei das geänderte EEG und die Deckelung des Ausbaus auf 2.800 MW pro Jahr. Das EEG bezeichnet Övermöhle als Auslaufmodell: „Wir erwarten die ersten Null-Cent-Gebote für Windenergie an Land im Netzausbaugebiet spätestens im nächsten Jahr“. Spätestens dann sei es überholt und werde mittelfristig eingestellt.

Andreas Nocker, Hawe, Bild: Hawe
Andreas Nocker, Hawe: "Die Marktführer haben einen hydraulischen Pitch im Einsatz, weswegen die Stückzahlen pro Jahr der Antriebe nahezu identisch sind mit den elektrischen. "

Beim Lager- und Getriebehersteller Liebherr verkennt man die Probleme durch EEG und Auktionsmodell nicht, dennoch sieht Oliver Wennheller, Vertriebsleiter Großwälzlager und Windenergie, die Windkraft aufgrund technologischer Weiterentwicklungen wie der Steigerung der Anlagengrößen und wirtschaftlicherer Produktionsprozesse gut gerüstet. „Auch durch das zunehmende Repowering-Geschäft sehen wir die Entwicklung der Windenergiebranche nach wie vor positiv und führen unsere Investitionstätigkeiten zum Ausbau unserer Zuliefertätigkeiten weiter fort.“

Akzeptanz in der Bevölkerung immer noch hoch

Dr. Andreas Klein, Winergy, Bild: Winergy
"Der Trend zu Anlagen mit größeren Rotoren und damit meist höheren Nenndrehmomenten ist On- und Offshore ungebrochen." , sagt Dr. Andreas Klein, Winergy.

Dr. Stefan Dietrich, Pressesprecher des Windparkbetreibers Windwärts, sieht das ähnlich. Zwar sei die Windenergie global weiter ungebrochen auf Wachstumskurs und in vielen Märkten bereits die kostengünstigste Energieerzeugung. Aber: „Das EEG 2017 begrenzt den Ausbau der Windenergie, und Landesregierungen verschärfen Abstandsregelungen ohne sachliche Begründung.“ Weshalb das Repowering eine immer wichtigere Rolle spiele, vor allem wenn „nach 2020 Tausende von Anlagen, teilweise an hervorragenden Standorten, aus der EEG-Vergütung fallen“.

Die immer strengeren Regeln der Politik mögen mit einer abnehmenden Akzeptanz für Windkraftanlagen in der Bevölkerung zu tun haben. Axel Tscherniak, Geschäftsführer der Fachagentur Windenergie an Land e.V. (FA Wind), sieht aufgrund repräsentativer Umfragen der FA Wind aber immer noch bei einer großen Mehrheit der Bevölkerung Akzeptanz, „auch vor der eigenen Haustür“. Sie sei sogar bei Personen mit Windenergieanlagen im Wohnumfeld höher, als bei Personen ohne diese Erfahrung. „Ein Schlüsselelement sind frühzeitige Beteiligungsprozesse für die betroffene Öffentlichkeit vor Ort, bei denen die Bedürfnisse der Bevölkerung nach Transparenz und Mitgestaltung aufgegriffen und passende Teilehabeformen entwickelt werden.“

Indirekt kann auch die Industrie einen Beitrag zur Akzeptanz der Anlagen leisten, wie Robert Castellanos, Global Product Manager bei Schunk Bahn- und Industrietechnik, erläutert. Er verweist auf neue, kohlenstoffbasierte Reibbeläge für Azimut-Bremssysteme, „mit denen sich die massive Geräuschentwicklung von konventionellen Bremssystemen von bis zu 120 Dezibel auf circa 40 Dezibel verringern lässt.“ Das ist wichtig für Anlagen in der Nähe von Wohngegenden, zumal die Systeme darüber hinaus auch noch vibrationsfrei arbeiten und keinen Abrieb erzeugen, der die Gondeln kontaminieren könnte.