Diethelm Carius, Bild: VDMA

Diethelm Carius ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Medizintechnik im VDMA. Bild: VDMA

Wie geht es der Medizintechnik-Branche? Wie ist die Stimmung?

Leider gibt es kaum Zahlen. Wir haben bei den Unternehmen der Arbeitsgemeinschaft vor zwei Jahren nachgefragt, wie hoch der Anteil der Medizintechnik an ihrem Gesamtumsatz ist. Bei den meisten bewegt sich das im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich und rangiert auf den Plätzen vier bis sechs, steht also nicht immer im Fokus. Momentan gibt es vor allem in der Zuliefererbranche eine gewisse Verunsicherung aufgrund der neuen Europäischen Medizinprodukte-Verordnung (MDR). Sie bedeutet eine deutliche Verschärfung und viele Hersteller werden erst einmal versuchen, den zusätzlichen Aufwand auf ihre Zulieferer abzuwälzen.

Webinar: 3D-Druck und Design mit HP (Quelle: ke NEXT TV)

Besteht die Gefahr, dass sich Unternehmen aus dem Geschäft verabschieden und die Innovationskraft leidet?

Das wird befürchtet, aber es ist noch zu früh für eine Aussage. Ich erwarte das nicht unbedingt, aber eine gewisse Zurückhaltung kann es in den nächsten Jahren geben. Im Moment ist auf jeden Fall die Digitalisierung ein großes Thema. In der Medizintechnik müssen wir ja an zwei verschiedenen Strängen arbeiten: die klinische Seite mit Patientendaten und die industrielle Seite mit Fertigungsdaten. Die Patienten wollen natürlich nicht, dass ihre Daten in der Industrie landen. Aber ein weiterer wichtiger Trend sind personalisierte Medizinprodukte. Wenn ich die herstellen will, brauche ich natürlich die Patientendaten. Das erfordert neue Geschäftsmodelle, die die Anonymisierung der Daten sicherstellen. Nicht vergessen dürfen wir die nachgelagerten Prozesse, denn viele Produkte verbleiben über Jahre oder Jahrzehnte beim Patienten. Diese Produkte müssen entsprechend ihrer Risikoklasse überwacht und bei Vorkommnissen rückverfolgbar sein.

Welche Folgen hat diese personalisierte Medizin für die Hersteller?

Durch die Möglichkeiten beispielsweise der additiven Fertigung ergeben sich ganz andere Möglichkeiten für personalisierte Medizinprodukte. Herkömmlich gefertigte künstliche Hüftgelenke sind beispielsweise oftmals schwerer als Knochen, dadurch werden die Muskeln mehr beansprucht. Mithilfe additiver Verfahren kann man den menschlichen Knochen extrem genau nachbilden. Er wird leichter und man kann Hohlräume bilden, in die der Knochen besser einwächst. Oder Kniegelenke: Bisher gibt es nur eine gewisse Auswahl. Mit der neuen Technologie kann man sie patientenindividuell gestalten und produzieren. Durch Kombinationen von Pharmaprodukten mit Medizintechnik wird es außerdem zu einer stärkeren Vermischung beider Branchen kommen. Pharmaunternehmen sehen sich bereits verstärkt nach Medizintechnikunternehmen um, die ihr Portfolio entsprechend unterstützen können. Das wird eine spannende Entwicklung, die aber nicht unkritisch betrachtet werden sollte. hei

Digitalisierung revolutioniert die Gesundheitsversorgung

IVAM, der Fachverband für Mikrotechnik, nennt Beispiele, wie die Digitalisierung in Verbindung mit neuen Technologien die Gesundheitsversorgung drastisch verändert:

  • Monitoring statt Messung: Daten wie Blutzuckerwerte werden kontinuierlich erhoben, dies bietet den Patienten eine bessere Kontrolle und mehr Sicherheit.
  • Es entstehen neue Businessmodelle: Pharmaunternehmen wandeln sich zum Beispiel zu Technologieunternehmen, die beispielsweise Medikamente per 3D-Druck herstellen.
  • Trend zum „Patient empowerment“: Der Patient wirkt aktiv bei der Diagnostik mit, um beim Arzt Risikofaktoren angeben zu können und die bestmögliche Behandlung zu bekommen.
  • Big Data: Ist der vertrauliche Umgang mit Patientendaten gewährleistet, bietet die Digitalisierung und die Verfügbarkeit von anonymisierten Gesundheitsdaten auch Vorteile für Patienten; sie können so aktiver bei der Diagnostik und Behandlung ihrer Erkrankung mitwirken.